Düsseldorf

Im kleinen Wolkenkratzer am Rhein, Sitz des Landesministers für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr, griffen probeweise die Mitarbeiter des Hausherrn Dr. Horst-Ludwig Riemer zu den Koffern, nachdem schon vor der Wahlnacht aus Bonn Walter Scheels Seufzer zu hören war, die Liberalen brauchten für ihre nächste Regierungsbildung den Parteifreund aus dem Düsseldorfer Kabinett. Riemer nahm die schmeichelnden Offerten, unter Bundeskanzler Brandt Wirtschaftsminister zu werden, schweigend zur Kenntnis, denn das Angebot traf den Nerv der nordrhein-westfälischen FDP. Während Funk und Gazetten dem knapp vierzigjährigen Juristen und Ökonomen das freundliche Geleit geben wollten, entschied sich Riemer für seine Partei und gegen seine persönliche Karriere.

Ein Umzug nach Bonn wäre mit der Niederlegung des Landtagsmandates verbunden, der über die Landesreserveliste nachrückende Ersatzabgeordnete hieße dann Hans Joachim Tornau. Jener Landwirt auf Gut Vinnen im Lipperland fiebert schon seit Jahren diesem Tag entgegen, da er nicht nur wieder ins Landesparlament heimkehren, sondern auch seinen parteiinternen Gegnern ihr angeblich „linkes Getue“ heimzahlen kann. Bauer Tornau gilt als Ultrarechter und wäre längst aus der FDP ausgetreten, hätten ihm nicht seine Gesinnungsbrüder vom Schlage Zoglmann und andere NLA-Funktionäre zum Aushalten verpflichtet, um im Falle des Nachrückens die liberale Fraktion durcheinander zu bringen, womöglich die Koalition Kühn/Weyer zu stürzen.

In der Landeshauptstadt steht es nach wie vor auf des Messers Schneide, denn Heinrich Köppler führt 95 gewählte CDU-Abgeordnete und zwei zu ihm von der FDP übergelaufene Mandatsträger in jede Landtagsdebatte. Außerdem weiß er sich der Gunst eines einsamen Fraktionslosen sicher, der auch die FDP im Stiche ließ, um mit Zoglmann die inzwischen kläglich gescheiterte National-Liberale Aktion (NLA) aufzubauen. Diesen 98 Mannen im christlich-demokratischen Lager stehen 94 SPD-Abgeordnete und acht FDP-Landtagsmitglieder gegenüber, also 102 Koalitionsfreunde gegen 98 Oppositionsanhänger. Würde Riemer nach Bonn umziehen, müßte Ministerpräsident Heinz Kühn alsbald das Schachmatt durch Bauer Tornau einkalkulieren, denn mit 101 : 99 Mandaten ist jenes Patt nicht mehr weit, das Brandt und Scheel glücklich hinter sich haben.

Stünde die SPD/FDP-Koalition in Düsseldorf spätestens in einem Jahr vor der nächsten Landtagswahl, hätte die taktische Ausgangslage Riemers Umzug geradezu provoziert, da dann mit einem neuen FDP-„Mandatsüberträger“ wie Tornau das Wahlkampfthema vorbestimmt gewesen wäre, und seit dem 19. November 1972 weiß gerade das Ruhrgebiet sehr genau, daß Willy Brandt nicht zuletzt deswegen so überlegen gewann, weil die Wähler den Parteiwechslern und Mandatseinsammlern einen Denkzettel verpassen wollten.

Die Freien Demokraten an Rhein und Ruhr treten mit der SPD aber erst 1975 zur nächsten Wahlrunde an, um unter anderem den Christdemokraten auch die Mehrheit im Bundesrat streitig zu machen. Minister Riemer, seit April 1972 FDP-Landesvorsitzender, wird dabei dringend gebraucht. Horst-Werner Hartelt