Von Edgar Lohner

Der Roman sei, so wird immer wieder behauptet, die irregulärste Gattung unter den literarischen Künsten. Seine Geschichte und die seiner Theorie, die sich zwischen Ablehnung und Anerkennung, zwischen Klage und Begeisterung bewegt, scheint dies zu bestätigen. Selbst von der Krise, ja sogar vom Tod des Romans ist wiederholt die Rede.

Boileu, der Perfektionist normativer Poetik, lehnte ihn als Unform ab. Im "Discours" von 1710 glaubte er den galanten und preziösen Roman der Scudery erledigt zu haben ("elle et tous les autres compositeurs de romans").

Hundert Jahre später nannte ihn Frau von Staël eine "der schönsten Produktionen des moralischen Geistes", während Schiller ihn 1797 für "schlechterdings nicht poetisch" erklärte, da er "die hohe Reinheit des Ideals" beleidige. Der Romanschreiber war ihm nur der Halbbruder des Dichters;

Erst durch Friedrich Schlegel erfuhren Kritik und Theorie des Romans eine Mutation. Jetzt erhielt er, vornehmlich durch die Rezension des "Wilhelm Meister", den obersten Rang innerhalb der Gattungen.

Trotzdem, Skepsis und theoretische Unsicherheit gegenüber dieser Gattung verstummten nicht. Sie zogen sich durch das gesamte neunzehnte Jahrhundert bis hin in unsere Tage. Bekannt ist Flauberts Bemerkung, die Kunst des Romans sei "une mer à boire".1884 stellte Henry James eine Diagnose des englischen Romans. Er nannte ihn "naiv", er sei ohne Grundlagen oder theoretisches Bewußtsein. Allerorts sei ein bequemes, gutmütiges Gefühl verbreitet: "that a novel is a novel, as a pudding is a pudding" – und damit lasse man es bewenden. Selbst der scharfsinnige Lionel Trilling meinte noch 1950, das Element des Zufälligen hafte dem Roman besonders stark an.

All dies verrät die formale Unsicherheit der Theoretiker und der Autoren. Es zeigt aber auch die schier unermeßliche Verwandlungsfähigkeit und damit auch die ungewöhnliche Lebendigkeit des Romans.