Wer wird Parlaments-Chef

Von Nina Grunenberg

er den Tiger zuerst am Schwanz zog, ist nicht klar, Herbert Wehner oder Willy Brandt. Einigermaßen verbürgt ist die Version, daß Brandt – nach vorhergehender Absprache mit Helmut Schmidt und Herbert Wehner – an den SPD-Fraktionsvorsitzenden als "Dienstältesten" die Frage richtete, ob er Präsident des siebenten Deutschen Bundestages werden wolle. Wehner winkte ab – kichernd, wie berichtet wird – und schlug statt dessen vor, eine Frau zu wählen. Seitdem steht jedem frei, die Idee, die sich der Bundeskanzler zu eigen machte, als "Signal" für den fortschreitenden Prozeß der weiblichen Emanzipation zu deuten. So sieht es Annemarie Renger, eine der Kandidatinnen für das Präsidentenamt. Vielleicht interpretieren es eines Tages auch die Historiker so. Aber die Motive für soviel männliche Hochherzigkeit sind mannigfaltiger.

Mit seinem Vorschlag, gegen den ein anständiger Mann nichts vorbringen kann, hat Herbert Wehner vorsätzlich die Kandidaturen von mindestens zwei ernsthaften männlichen Bewerbern verhindert: von Hermann Schmitt-Vockenhausen, dessen Ambitionen bekannt waren, und von Alex Möller, dessen Kandidatur in der SPD-Fraktion auf Sympathien gestoßen wäre.

Willy Brandt aber erleichtert eine weibliche Lösung für den Präsidentenstuhl die Aufstellung der Kabinettsliste. "Mindestens zwei Frauen diesmal" waren ihm schon angedroht worden; das Amt des Bundestagspräsidenten kompensiert die Hälfte des Anspruchs. Doch bei Brandt spielt wohl auch der ehrlich gemeinte Gedanke eine Rolle, daß es nicht wünschenswert wäre, wenn die Frauen, "die zu einem großen Teil hellwach geworden sind", und in denen "sich das Selbstgefühl unserer gewandelten Gesellschaft vielleicht am klarsten" ausprägt (Brandt auf dem SPD-Parteitag in Dortmund), ihre politischen Frustrationen eines Tages nicht mehr so artig wie bisher sublimieren. Der Präsidentensessel ist deshalb auch als Trostpflaster für die Bundestagsmandate gedacht, die den politisierten Frauen diesmal entgangen sind.

Züschlagen wie ein Schmied

Kein Wunder, daß der Tiger jetzt faucht. Es geht ja nicht nur um die Repräsentanz der Frauen, es geht jetzt vor allem um Positionen. Kein Bonner Politiker kann sich der Illusion hingeben, daß der Stuhl mit einem lieben, unbedarften Weibchen zu schmücken wäre. Was zur Wahl steht, sind handfeste Politikerinnen älterer Machart, die ihr Handwerk verstehen, zuschlagen können wie ein Schmied, wenn ihnen jemand zu nahe tritt, und die der harte Stil des politischen Alltags autoritärer als ihre männlichen Kollegen gemacht hat: Annemarie Renger, Katharina Focke, Elfriede Eilers und Marie Schlei sind die Damen auf dem Kandidatenkarussell, deren Namen am häufigsten für den Posten des Bundestagspräsidenten genannt werden.