Von Kai Krüger

Release Heidelberg: Bemalte Wände, bunte Türpfosten. Gerümpel, zwei klapprige Autos im Innenhof. Im „Office“ zwei Schreibtische, Ordner und Papier in einem windschiefen Regal, eine Eisentreppe, die sich buntbemalt nach oben wendelt. An den Wänden Zettel: „Rosi, wenn es geht, besuche doch mal Jürgen im Faulen Pelz. Besuchserlaubnis bekommst du: Staatsanwaltschaft Wechsung.“ Es gab auch Platz für „Nachrichten Knast“ und „Nachrichten Psych“, aber da war nichts.

Release nennt sich in Deutschland „Verein zur Bekämpfung der Rauschgiftgefahr“ und ist gleichwohl selbst ein Teil der Scene, der Rauschgift-Szene. Die ersten Release-Stationen entstanden Anfang der sechziger Jahre als free-clinics der Hippie-Vorläufer in San Francisco. Dort gab es Sprechstunden zum Nulltarif. Release heißt Befreiung. 1967 entstand das erste europäische Zentrum in London. Über Holland und Dänemark kam Release dann nach Deutschland, eine Selbsthilfeorganisation ehemals Drogenabhängiger für Drogenabhängige. Vor zwei Jahren gründeten Ex-Fixer, die von der Nadel genug hatten, Release Hamburg. Wenig später entstand Release Heidelberg, das zweite Zentrum der Bundesrepublik. Heute gibt es Gruppen in Freiburg, Köln, München, Lüneburg, Bremen, Kassel, Nürnberg, Berlin, Oldenburg, Elmshorn, Frankfurt, Wiesbaden, Düsseldorf, Braunschweig, Leverkusen, Bonn, Syke, Wuppertal und in anderen Städten.

Freilich, als sich die Delegierten von gut zwei Dutzend deutschen Release-Gruppen erstmals zu Pfingsten dieses Jahres bei Kassel und später auf dem Hamburger Release-Bauernhof Velgen bei Lüneburg trafen, machten sie zwar „dufte Musik“, aber aus der angestrebten Organisation auf Bundesebene wurde nichts. Release steht auf zu schwachen Füßen, und zu groß sind die Sorgen, zu unterschiedlich die Nöte jeder einzelnen Gruppe, als daß es in jeder genug konsolidierte Substanz für einen gemeinsamen Topf gäbe.

Release hat in der Bundesrepublik vom ersten Moment an den engen Rahmen der Rechtsbeihilfe in Drogenkonflikten gesprengt. Die Konflikte stellten sich nicht erst vor dem Kadi ein. Die Release-Zentren waren von ihren ersten Tagen an die einzigen Anlaufstellen, die von der Scene akzeptiert wurden, und sind es bis auf den heutigen. Tag geblieben. Denn bei Release spricht man die Sprache der Scene, und, was noch wichtiger ist, jeder einzelne bei Release kommt selbst aus der Scene. Hier werden, oft genug rund um die Uhr, Wohnräume und Jobs vermittelt, Besuche in Haftanstalten und Krankenhäusern arrangiert, medizinische und juristische Ratschläge erteilt, Müttern auf der Suche nach ihren entlaufenen Söhnen und Töchtern Tips gegeben, Lehrer, Ärzte, Pfarrer, Beamten und Journalisten über die Scene informiert, Möbel- und Geldspenden erwartet, drogenberauschte Typen auf Anruf aus Kaschemmen und von der Straße geholt.

In Heidelberg hatte Release von Anfang an einen eigenen Arzt. Heute praktiziert ein Haus weiter Dr. med. Karl Geck, „Chuck“ genannt, 35 Jahre alt und ehemaliges Mitglied der Release-Truppe. In seiner free-clinic, die der Scene offensteht, hat er sogar einen kleinen OP-Tisch und einen Zahnarzt-Stuhl.

Die Heidelberger free-clinic ist so wichtig und so überlaufen, daß neben Chuck inzwischen zwei weitere Ärzte ganztägig eingestiegen sind und die Stadt monatlich 2000 Mark überweist. Weitere 500 Mark steuert der Landeswohlfahrtsverband Baden bei, und derzeit laufen Verhandlungen mit den Krankenkassen, Versicherungsverbänden und dem Sozialamt, um eine endgültige und solide Finanzierung sicherzustellen.