Von Peter Dubrow

Benny Goodman, auch nicht mehr der Jüngste, wird mit seiner Band auftreten; und dann ist Schluß. Das Jazzkonzert wird die letzte große Veranstaltung im Berliner Sportpalast sein. Mit dem Frühling kommt dann die Abbruchbrigade. Das Haus, das ein Zyniker einmal das "Tollhaus der Nation" genannt hat, und das nicht nur deshalb, weil dort einst ein Doktor Joseph Goebbels den "totalen Krieg" ausrufen ließ, dieses Gebäude an der Potsdamer Straße 171–172, Ecke Pallasstraße, wird abgerissen. Der Sport verliert seinen Palast.

Prunkhaft und prächtig freilich war er nicht. Längst gibt es viel größere, schönere, zweckmäßigere Hallen, Paradestücke einer technisierten Architektur. Der Berliner Sportpalast, hochgerissen in einer Zeit, die auf rasch verdiente Goldmark aus war, hat nicht den simpelsten Ansprüchen der Ästhetik des Bauens genügt. Doch keine der neuen imposanten Sporthallen, dessen darf man sicher sein, wird so sehr mit dem Sport und seiner Geschichte verbunden sein, wie es dieser Sportpalast voller Unsportlichkeiten war.

"Gala der Gratulanten", meldeten die Berliner Lokalblätter am 19. November vorigen Jahres: Zum 60. Geburtstag des Sportpalastes waren erschienen: Altkanzler Ludwig Erhard, Bürgermeister Neubauer, Conny Rux, Bully Buhlan, Edith Schollwer und so weiter und so fort. Von einem "Stück Berliner Geschichte" wurde geredet, und vom "feste Feste feiern". Doch die Namen wären so glanzvoll nun doch nicht; und so bemüht heiter man sich auch gerierte, so offensichtlich war es schon, daß der Sportpalast in die Ecke des Sportgeschehens gerückt war. Er war zum Schauplatz der Weißt-dunoch-Erinnerungen geworden. Und wenn man in der Schar der Gäste zum Beispiel auf Gustav Jänicke traf, dann wurde einem klar, wie lange diese Erinnerungen schon zurücklagen. Gustav Jänicke, Berliner Schlittschuh-Club, Berlin auch als Metropole des Eishockeys, Sprechchöre: "Justaf! Justaf!", wenn der Star auf dem Eis hinter dem Puck her jagte – ja, damals war der Sportpalast unvergleichlich, vergleichbar allenfalls mit dem Madison Square Garden in New York.

Ein Jahr nach der Geburtstagsfeier ist es nun Gewißheit, daß mit dem Sportpalast eine Ära des Sportes ihr Ende findet und eigentlich schon gefunden hat. Der Sport, sagt man, sei ein Kind der technischen Revolution des 19. Jahrhunderts. Mit der Technik des 19. Jahrhunderts, für die in diesem Fall der Londoner Kristallpalast ein Exempel ist, baute man jedenfalls zuerst die weiten Hallen, die dann auch dem Sport als Tribüne dienten, und zwar einem Sport, der von Anfang an voller Schau-Elemente war. Unter freiem Himmel, sogar in riesigen Arenen noch, konnte man vielleicht das Gefühl vom hehren, irgendwelchen Göttern dienenden Sport, ausgeübt von Amateuren im blütenweißen Trikot, suggerieren. In der Halle ging das nicht. Da ging es bunt und turbulent zu; und das Klingeln der Kassen war von Anfang an nicht überhörbar. In hohen, weiten Räumen, wie sie in Jahrtausenden ausschließlich den Sakralbauten vorbehalten waren, wurde nun der Sport profanisiert.

Eine Eisbahn und eine Radrennbahn, sie sollten die Basis des Geschäftserfolges im Berliner Sportpalast sein. Noch unter dem Namen "Hohenzollern-Sportpalast" wurde er am 17. November 1910 eröffnet, nicht mit Eishockey oder Eiskunstlauf, sondern mit einer Eisrevue unter dem Gäpsehauttitel "Am Nordpol". Drei Monate darauf schon drohte zum ersten Male das, was in den Büros des Berliner Sportpalastes dann immer wieder ein Schreckgespenst war: die Plate. Jene "glorreiche Ungewißheit", die bei den Angelsachsen, den Erfindern des modernen Sports, als wesentliches Ingredienz dieses Sportes galt, gemixt mit dem Hasardspiel, das im Schaugeschäft ohnehin üblich ist – das ergab eine brisante Mischung für Leute, die über Nacht reich werden wollten.

Die Eisbahn war damals mit einer Lauffläche von 2500 Quadratmetern die größte Kunsteisbahn der Welt. 50 000 Glühbirnen unter der in pompejanischem Rot gehaltenen Decke machten die Halle mit den weißen Wänden "hell wie den lichten Tag". Immerhin schien es so. Die Eröffnung war ein gesellschaftliches Ereignis und in unfreiwilliger Komik schon bezeichnend für den oft nur schwer genießbaren Schau-Sport-Cocktail, zu dem die Veranstaltungsreihen im Sportpalast zusammengeschüttelt wurden. Richard Strauss brachte mit dem Orchester der Königlichen Oper und einem gewaltigen Chor Beethovens Neunte Symphonie zu Gehör. Man hatte eine dünne Bretterdecke und einen roten Teppich über das Eis gelegt; aber auch auf dem Teppich bildete sich Eis, und mancher Musikant rutschte aus und ging samt Instrument zu Boden. Die Zuschauer fanden es ergötzlich. Die Kritiker der Berliner Zeitungen waren böse, schrieben von einem "bombastischen Zeremoniell" oder gar davon, daß man nicht von einem "Weihekonzert", sondern von einem "Entweihekonzert" sprechen sollte. "Geschmacklosigkeit" wurde den Veranstaltern vorgeworfen. Und über Geschmack hat man sich immer wieder trefflich streiten können.