In Anspielung auf einen gegen Philipp Reemtsma nach dem Krieg geführten Prozeß wegen angeblicher Bestechung Hermann Görings kommentierte der Wirtschaftspublizist Kurt Pritzkoleit die Berufung Schlenkers bissig: „Die Hamburger Zigarettenfabrikanten, sieht man, haben ihr Verhältnis zur Interessenvertretung und zur Lobby, zum Staat und zu den Staatsdienern, dem sie zu Vorkriegs- und Kriegszeiten soviel verdankten, bis zum heutigen Tag nicht gewandelt.“

Schlenker war nach dem Tod Philipp Reemtsmas bereits zum Chef des Konzerns aufgestiegen, als 1964 der damals 33jährige Malte Hesselmann in die Firma eintrat. Der promovierte Jurist, Autor eines vielbeachteten Lehrbuchs über die von ihm maßgeblich mitentwickelte Gesellschaftsform der GmbH & Co. KG, verdiente sich in Südamerika die ersten Sporen, wo er Reemtsmas traditionell starkes Zigarettengeschäft erfolgreich ausbaute. Nachdem er sich dieser Aufgabe zur Zufriedenheit seiner Familie entledigt hatte, setzte ihn Schlenker auf ein für den größten Zigarettenkonzern (Umsatz 1971: knapp 4 Milliarden Mark) bahnbrechendes Projekt an: den Aufbau eines zweiten Geschäftszweigs – im Getränkebereich. Nach Hesselmanns Konzept erwarb Reemtsma die Sektkellerei Carstens sowie Beteiligungen an der Henninger Bräu in Frankfurt, der Brauerei Moninger in Karlsruhe, der Brau AG in Nürnberg, der Dortmunder Union-Brauerei, der Altbierbrauerei Hannen bei Krefeld, der Bavaria- und St.-Pauli-Brauerei in Hamburg und der Lindener Gilde-Bräu in Hannover.

Während der energische Hesselmann an Reemtsmas neuer Bierbastion bastelte, mußte der erfolggewohnte Familienkonzern im Stammgeschäft spürbare Rückschläge hinnehmen. In den vergangenen fünf Jahren sank der Anteil Reemtsmas am deutschen Zigarettenabsatz von knapp 50 auf nur noch 39 Prozent. Es rächte sich, daß für die verblassenden Starmarken „Peter Stuyvesant“ und „Ernte 23“ keine erfolgversprechenden Sorten rechtzeitig „nachgeschoben“ worden waren. Die „Atika“ allein konnte die trotz eines Marken-Facelifting anhaltenden Umsatzverluste nicht aufhalten.

Marken ohne jedes Profil wie die „Admiral“ wurden mit Millionenaufwand in den Markt geboxt und schon nach kurzer Zeit wieder zurückgezogen. Mit der Damenzigarette „Candida“ kamen Reemtsmas Manager erst heraus, nachdem Konkurrent BAT mit seiner „kim“ bereits das mit dieser Produktspezies angepeilte Käuferpotential für sich gewonnen hatte.

Die Ursachen für Reemtsmas Rückschläge sehen Insider vor allem in dem desolaten Zustand, in dem sich das Absatzmanagement des Branchenführers derzeit befindet. Anstatt einen fähigen Marketing-Mann in den Vorstand zu berufen, übernahm der als nicht sehr entscheidungsfreudig bekannte Schlenker die Verantwortung für den in einem Markenartikel-Konzern wichtigsten Bereich selbst.

Unter Schlenkers Regie war Reemtsmas Marketing-Abteilung, im Hause etwas altmodisch „Absatzförderung“ genannt, organisatorisch wie personell den Anforderungen nicht mehr gewachsen. So sind beispielsweise bei Reemtsma nicht, wie sonst allgemein üblich, die Marktforschungs- und Mediaabteilung dem Marketing-Chef, sondern dem Vorstand unmittelbar unterstellt, was zu dauernden Reibereien führte. Jüngstes unter zahlreichen Opfern der verfehlten Absatzkonzeption wurde im Oktober Werbechef Bodo Rieger, der nach nur zweijähriger Tätigkeit seinen Hut nehmen mußte.

Um ein weiteres Abrutschen im Zigaretten-Geschäft zu verhindern, übertrugen die erschrecke ten Reemtsma-Gesellschafter vor zwei Jahren Malte Hesselmann zusätzlich noch den Inlandsabsatz. Damit war der Reemtsma-Neffe auch nach außen der neben Rudolf Schlenker mächtigste Mann an der Spitze des Konzerns. An seiner Rolle als Kronprinz zweifelte kaum noch jemand. Aus der Sicht von Philipps Witwe Gertrud war Neffe Malte nicht nur als Firmenchef, sondern von seinem Alter her auch als Platzhalter für ihren Sohn Jan Philipp die beste Wahl.