DIE ZEIT

Ferien auf Fuerteventura

Noch hält in Bonn, während der Bundeskanzler auf der kanarischen Insel Fuerteventura seine Stimmbänder vollends kuriert, der Vizekanzler die Zügel in der Hand.

Staatskitt

Man kann Pannen im Verhältnis zwischen Bonn und Ostberlin überbewerten oder sie mildtätig der Vergessenheit anheimgeben. Wenn sie sich freilich häufen, wie an dem Tage, da der Grundvertrag unterzeichnet wurde, und wenn sie sich vor einem Hintergrund obrigkeitlicher Kontakt-Abriegelung abspielen, so ist das bedenklich (siehe Seite 7).

Vom Geist und Zug der Zeit

Von der Wende zum zweiten Jahrtausend trennt uns die gleiche Strecke Weges, die wir seit dem Zweiten Weltkrieg zurückgelegt haben.

Folter von oben

Richard Nixons neue Bombenoffensive gegen Nordvietnam ist nichts anderes als Terror und Tortur: Folterung mit Methode, um die Nordvietnamesen gefügig zu machen.

Hilfe für Managua

Der Mensch mordet den Menschen – aber die Natur tötet auch. Kain steht immer wieder auf, mitten unter uns. Das Inferno, das amerikanische Bomber Tag für Tag, Stunde um Stunde in Nordvietnam anrichten, läßt uns schaudern.

Finnland: Listig wie ein Lapplandfuchs

Tor Högnäs machte Weltpolitik wider Willen. Der Finnlandkorrespondent der liberalen Stockholmer Zeitung Dagens Nyheter hatte Ende Oktober Aufzeichnungen von den geheimen Unterredungen veröffentlicht, die der finnische Staatspräsident Urho Kaleva Kekkonen im August mit den Sowjetführern Breschnjew und Kossygin geführt hatte.

Worte des Jahres

„Es ist ein Verbrechen, daß dem britischen Volk das Recht verwehrt wird, seine Meinung auszudrücken, während es dem französischen Volk erlaubt ist, über den Beitritt der Briten zu entscheiden.

England entert Europa

Erst praktizieren, dann reformieren – An der Bereitschaft fehlt es den Briten nicht

Brief aus der ČSSR: Breite Kreise finden sich ab ...

Wir geben nachfolgend den vor kurzem in den Westen gelangten Brief eines tschechoslowakischen Intellektuellen wieder. Das Bild, das er über die Lage in der CSSR entwirft, entspricht weder der offiziellen Schönfärberei des Prager Husak-Regimes, noch den vielerorts im Westen gehegten Widerstandshoffnungen.

50 Jahre UdSSR: Weltmacht mit Schwächen

Jahrzehntelang sprach man im Westen vom baldigen Zusammenbruch des schwächlichen Sowjetstaates. Der „revolutionären Fehlgeburt“ von 1917, amputiert durch den Zwangsfrieden von Brest-Litowsk, geschüttelt vom Fieber innerer Krisen und von ausländischen Interventionen, wurden nur wenig Überlebenschancen eingeräumt.

Vietnamkrieg: Und die Mehrheit schweigt dazu

In diesen Wochen hat das Verhalten Amerikas und seiner Staatsführung auch den Freunden des Landes die Frage aufgedrängt, ob es wohl dahin kommen muß, daß die Völker der „Freien Welt“ schließlich resigniert bekennen: „Wir brauchen die Amerikaner, aber wir mögen sie nicht.

Er hatte recht in allem Großen

Geschafft hat er es nicht, obwohl er genau wußte, was er wollte: Frieden für mindestens neunzig Jahre. Mit unbeirrbarer Entschlossenheit traf er unter diesem Gesichtspunkt seine Entscheidungen, deren Tragweite er zuweilen nicht übersah, aber deren Konsequenzen auf sich zu nehmen er bereit war.

DDR-Zurückweisungen: Schikanen aus Souveränitätssucht

Wollte die DDR am 21. Dezember etwa beweisen, daß es nach wie vor im Belieben ihrer Regierung steht, wer in die DDR einreisen darf? Wollte sie aller Welt klarmachen, unter welchen Bedingungen welche Journalisten – oder Kaufleute – oder Sportler – oder Künstler – in der DDR was tun dürfen? Ihr Verhalten am Tage der Unterzeichnung des Grundvertrages legt diese Frage nahe.

Krisengerede in der Justiz: Arm und selbstgerecht

Es war, als sei ein Stein in das bis dahin stille Wasser gefallen: Die Hamburger Justizkrise schlug Wellen. Selbst im fernen Passau fühlte sich Amtsrichter Grünberger betroffen; und allen Kollegen sprach er aus dem Herzen: Möglicherweise sei er befangen, dem FDP-Bundestagsabgeordneten Karl Geldner in seinem Strafprozeß wegen falscher uneidlicher Aussage Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Europäische Gemeinsdiait: Nur noch Neun

In dem Augenblick..., da die Erweiterung Wirklichkeit wird..., ist für Europa die Stunde gekommen, sich der Gemeinsamkeit seiner Fähigkeiten und der Bedeutung seiner Pflichten klar bewußt zu werden.

Innenpolitik: Ein Sieg nach Kämpfen

Der eindrucksvollen Bestätigung der sozial-liberalen Koalition durch die vorgezogenen Bundestagswahlen als dem beherrschenden innenpolitischen Ereignis des Jahres 1972 sind heftige Auseinandersetzungen vorausgegangen, die zumal die Bonner Szene so turbulent wie nie zuvor werden ließen.

Krisen und Krisenherde: Ein Jahr der Enttäuschungen

In Vietnam setzten die kommunistischen Streitkräfte und die Befreiungsfront noch einmal auf die militärische Karte. Am Karfreitag eröffneten sie die langerwartete Großoffensive, die nach großen Anfangserfolgen acht Wochen später ins Stocken geriet.

Volksbegehren: Blinzeln nach links

Pünktlich zum Fest der Freude wartete Bayerns CSU mit einer Überraschung auf: Franz Josef Strauß verkündete, er wolle nun „Ordnung in die Dinge bringen“ und deutete an, seine Partei habe ihre Haltung in Sachen Rundfunkpolitik revidiert; sie strebe einen Kompromiß mit SPD und FDP an.

Späte Reue

In so! manchen Münchner Ministerien sieht man der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen und Honoratioren der christlich-sozialen Staatspartei ahnen unruhige Zeiten.

Lokalzeit: Ballermann im Handschuhfach

Solche und ähnliche Albträume ängstigen die Verantwortlichen in der Hamburger Innenbehörde, seit das Hamburgische Oberverwaltungsgericht in einem grundsätzlichen Urteil Taxifahrern einen besonderen Gefährdungsgrad und damit Anrecht auf eine Schußwaffe zubilligte.

Seeler rettet den Senat: Erbschaft mit Schulden

Der große Knall blieb aus. Zum spektakulären Hutnehmen kam es nicht. Fünfmal forderte im vergangenen Jahr Hamburgs CDU-Opposition den Rücktritt von Justizsenator Ernst Heinsen – prompt fälliges ceterum censeo jedesmal, wenn ein Skandal oder Mißstand in seinem Verantwortungsbereich erneut Schlagzeilen machte.

Assmann-Urteil: Morscher Pfeiler

Wer notzüchzigt, der mordet auch. Dieser Eskalationstheorie der Gewalt scheint das Schwurgericht Arnsberg stillschweigend gefolgt zu sein, als es den 23jährigen Rolf Assmann wegen vierfachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte.

Wirtschaftsminister Westphal: Frischer Wind in Kiel

Einen Oppositionellen hat sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg in sein Kieler Kabinett geholt. Ende Januar soll der promovierte Jurist Jürgen Westphal seinen stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitz in der Hamburger Bürgerschaft gegen den Sessel des Wirtschafts- und Verkehrsministers im nördlichsten Bundesland eintauschen.

Management: Die Angst der Bosse vor dem Computer

Mit der Lupe muß man heute die deutschen Spitzenmanager suchen, die sich nach Computerterminals in ihrem Chefzimmer sehnen. Und kaum einer träumt davon, in Sekundenschnelle Informationen aus einem zentralen Speicher abzufragen und auf einen Bildschirm zu zaubern.

Aus der Werkstatt einer Redaktion: Gedenken 1973

Einerseits sind sie eine Pest; andererseits sind sie ein Segen. Eine Pest sind Gedenktage für Redaktionen. Ganze Industrien haben sich entwickelt, um uns darauf hinzuweisen, daß vor 500 Jahren Jean le Maire de Belges geboren wurde, mit dem die burgundische Dichtung ihren Höhepunkt erreichte, daß im selben Jahr in London die Hanseaten-Faktorei „Stalhof“ gegründet wurde, andererseits vor 100 Jahren der russische Bassist Fedor Schaljapin geboren und in Deutschland eine einheitliche Reichsgoldwährung eingeführt wurde, während der Anarchismus durch Bakunin seine theoretische Begründung fand.

Zeitmosaik

Die größte Gefahr, die uns allen Menschen droht, ist der Kollektivismus. Überall wird versucht, das Glück oder die Lebensmöglichkeiten der Menschen auf das Niveau eines Termitenstaates herabzuschrauben.

Restquanten

Es gibt da einige Quanten, die schwer meßbar sind. Die Zugehörigkeit zum Judentum, zum Beispiel, und seine Distanzierung davon.

Argumente für und gegen: Feuerwerk

Im Versailles Ludwigs XV. fing es an. Ruggieri hießen die Artisten, zwei Brüder aus Italien. Das war im 18. Jahrhundert. Seitdem feiert jedes Dorf mit Glitzern und Knallen – zum Beispiel den Jahreswechsel.

Filmtips

„Reed – Mexiko in Aufruhr“ von Paul Leduc. John Reed, Mitbegründer der KP in den USA, berühmt wegen seines Buches über die russische Oktober-Revolution („Zehn Tage, die die Welt erschütterten“), beschrieb in „Mexico insurgente“ eine Phase der mexikanischen Revolution um 1913/14.

Kunstkalender

Seine Freunde Szeemann und Ammann haben Gertsch auf die documenta geholt, um den amerikanischen Photorealismus mit Schweizer Eigenwuchs zu kontrastieren.

Schallplatten

„Man muß vom Kampf für eine neue Kultur, das heißt, für eine neue Moral sprechen, die in engem Zusammenhang mit einer neuen Auffassung vom Leben stehen soll, bis eine neue Weise entsteht, die Wirklichkeit zu sehen und zu empfinden“ (Ernesto Gramsci): Nono hat dieser Philosophie stets zu entsprechen versucht.

„Meinungslosigkeit und Ressentiments“: Zweimal deutsche Misere

Unter DDR-Experten ist geschäftige Bewegung, und durch die Nacht zuckt Ungewisse Helle. Vier literaturgeschichtliche Werke in einem Jahr über das, was seit 1945 zwischen Rostock und Eisenach geschrieben wurde – sollte das nicht hoffnungsvoll stimmen? Vier Übersichten, in Einzeldarstellungen, als Materialien, Geschichte und Grundriß, könnten allerdings auch den Gedanken nahelegen, hier werde nur eine politische Konjunktur verlegerisch genützt.

Kritik in Kürze

„Die Angst vor dem Chaos“, von Joachim Schumacher. Kein Aberglaube, schrieb 1936 der deutsche Emigrant, Marxist und Bloch-Schüler Joachim Schumacher in seinem jetzt wiederentdeckten Buch, sei unter Zeitgenossen verbreiteter als der, „daß ihre Zeit keine Epoche sei unter den besonderen Bedingungen sozialer und geistiger Widersprüche, kein Übergang sei, sondern ein Abgrund; daß sie keine Verwandlung sei, sondern ein Untergang Im ersten Teil stellt Schumacher Zeugnisse dieses Aberglaubens zusammen, Zeugnisse, die von Luther über die bürgerlichen Kulturpessimisten Schopenhauer, Nietzsche, Spengler, Klages bis hin zu den nihilistischen Metaphysikern Heidegger und Jaspers reichen.

O’Casey am Berliner Schloßparktheater: Ein Irland von Minks

Das Berliner Regie-Debüt von Wilfried Minks verlief anders als erwartet, eine neue Variation des „Bremer Stils“, mit seiner Tendenz, die Figuren in isoliert erklärende Exaltationen zu treiben, die Handlung in den Wechsel von einfrierenden und aufbrechenden optischen Großzeichen zu übersetzen, fand nicht statt.

Theater: Berliner Schaubühne: Eine verstörte Jugend

Die Vorgeschichte dieser Aufführung sah überhaupt nicht vielversprechend aus. Die Schaubühne am Halleschen Ufer, die sich seit ihrem Neubeginn (was die Schattenseite des Vorzugs ist, Peter Stein im Ensemble zu haben) mit der Frage herumschlägt, wen man als zweiten Regisseur erproben könnte, riskierte für Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ die Zusammenarbeit mit einem neuen Regisseur.

Jugendfeindlich

Die Deutsche Bundesbahn hat mit jungen Leuten nicht viel im Sinn. Ihre Kinderermäßigungen sind die schlechtesten in ganz Europa.

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