„Die Angst vor dem Chaos“, von Joachim Schumacher. Kein Aberglaube, schrieb 1936 der deutsche Emigrant, Marxist und Bloch-Schüler Joachim Schumacher in seinem jetzt wiederentdeckten Buch, sei unter Zeitgenossen verbreiteter als der, „daß ihre Zeit keine Epoche sei unter den besonderen Bedingungen sozialer und geistiger Widersprüche, kein Übergang sei, sondern ein Abgrund; daß sie keine Verwandlung sei, sondern ein Untergang Im ersten Teil stellt Schumacher Zeugnisse dieses Aberglaubens zusammen, Zeugnisse, die von Luther über die bürgerlichen Kulturpessimisten Schopenhauer, Nietzsche, Spengler, Klages bis hin zu den nihilistischen Metaphysikern Heidegger und Jaspers reichen. Mit der Leidenschaft eines marxistischen Christen und mit der Betroffenheit des Emigranten, der in den Parolen dieser Mystagogen rückblickend nationalsozialistische Propaganda voraussieht, attackiert er jene fatalistischen Philosophen, die zwar dieser Welt das endgültige Ende prophezeien, sich aber gleichwohl als Gralshüter der – freilich Lichtjahre entfernten – Zukunft aufspielen und „polytechnische Regeln für vierdimensionale Luftschlösser“ entwerfen. In dieser temperamentvollen, im besten Sinne tendenziösen Darstellung des hoffnungslosen Kulturpessimismus wird das unkontrollierte Durcheinander von Zukunftsangst und mechanischer Fortschrittsgläubigkeit plastisch sichtbar, aus dem jener ahistorische Irrationalismus hervorgeht, der die Dogmen von gestern als Wahrheit von morgen auszugeben versucht. Im zweiten Teil dieser Schrift, die Ernst Bloch einmal „eigentümlich bedeutend und funkelnd“ nannte, beschreibt Schumacher die politische Implikation des apokalyptischen Denkens: den Nationalsozialismus. Auch wenn er den Vermittlungszusammenhang zwischen Übermenschenphilosophie und Führerstaat unzulässig vereinfacht, auch wenn er darüber hinaus die diktatorisch und administrativ niedergehaltenen inneren Widersprüche der Gesellschaft reduziert auf kapitalistische Symptome, die aus der Diskrepanz zwischen Produktions- und Distributionsbedingungen resultieren, so bleiben dennoch genug intensive Beobachtungen, die verdeutlichen, wie „der falsche Feuerlärm“ politischer Mystagogen einzig dazu dient, das Volk das Fürchten zu lehren und es auf diese Weise politisch zu entmündigen. (Makol-Verlag, Frankfurt; 392 S., 20,– DM.)

Christian Schultz-Gerstein