Die Gutachter waren sich nicht einig

Von Werner Birkenmaier

Arnsberg

Wer notzüchzigt, der mordet auch. Dieser Eskalationstheorie der Gewalt scheint das Schwurgericht Arnsberg stillschweigend gefolgt zu sein, als es den 23jährigen Rolf Assmann wegen vierfachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilte. Der Mord an den zwei Liebespaaren auf einem Schießplatz bei Iserlohn ist also „gesühnt“; das Urteil im Namen des Volkes entsprach der Erwartung des Volkes. Als es das Strafmaß vernahm, klatschte es Beifall und brach in Bravorufe aus.

Man könnte nun zur Tagesordnung übergehen, wären da nicht einige Fragen offengeblieben. Assmann hat sich bekanntlich dahingehend eingelassen, nicht er, sondern sein inzwischen tödlich verunglückter Freund Volker Bendig habe die tödlichen Schüsse abgefeuert, während er, Assmann, zum Auto gegangen sei, „um Bier zu holen“. Er will über die Tat so entsetzt gewesen sein, daß er sogar erwogen habe, seinen Freund niederzuschießen. Die naheliegende Frage des Gerichts, warum er sich nicht wenigstens hinterher von Bendig getrennt habe, beantwortete Assmann dahingehend, dieser habe ihn „erpreßt“: Er, Bendig, habe als 17jähriger allenfalls mit einer Jugendstrafe zu rechnen, während ihm, dem 22jährigen Assmann, das lebenslang drohe, wenn die Sache herauskomme. Der Vorsitzende fragte, nicht ohne Logik: „Aber wenn sie doch gar nicht der Täter waren?“ Doch ob solche Logik die ganze Realität erfaßt, ist fraglich. Assmann, bar jeglicher Rechtskenntnisse, möchte das vage Gefühl gehabt haben, er hänge in der Geschichte nun einmal mit drin.

Assmann hatte zu befürchten, was da auf ihn zukam, so, wie er sich stets vor allem und jedem fürchtete. Er galt als feige, weil die Ängstlichkeit, die von früher Kindheit an in ihm steckte, sich zur Lebensangst ausgewachsen hat. Diesem Grundzug seines Wesens entsprach umgekehrt der Hang zum renommieren. Im Lichte dieser Psychologie nimmt sich ein Vorgang nicht eben als sehr beweiskräftig aus, den das Gericht gleichwohl in den Rang eines Geständnisses erhob: Als Assmann kurz nach der Tat in angetrunkenem Zustand auf einem Jahrmarkt mit seiner früheren Freundin zusammentraf, spielte er sich auf und sagte: „Ich habe die vier in Sümmern umgebracht – geh’ und hol dir die Belohnung.“ Das Gericht hat für erheblich gehalten, was von der Psychologie her nicht sticht.

Nun liegt es allerdings nahe, Assmanns Einlassung, sein Freund Bendig sei der Täter gewesen, für eine Schutzbehauptung zu halten. Immerhin ist er dieser Tat sehr nahe gewesen, und es ist unbestritten und wird von ihm selbst eingestanden, daß er an einem Überfall auf ein anderes Liebespaar beteiligt war und das Mädchen vergewaltigt hat. Doch gerade weil dieser Gedanke so nahe lag, hätte er mit besonderer Sorgfalt geprüft werden müssen. Auch wissen wir inzwischen, daß Gewalt nicht von Stufe zu Stufe eskaliert; es gibt keine durchgehende Linie vom Autodiebstahl bis zum Mord. Die Entwicklung zur Gewalttätigkeit hat kein spezifisches Vorstadium. Wo Entwicklungsstörungen vorliegen, entscheidet der Zufall, ob die Aggression sich in Diebstahl oder gar in Mord umsetzt. Soviel ist sicher: Zwischen Bendig und Assmann gab es keinen Tatplan, keine Verabredung. Man wollte Dinge tun aus Langeweile und Renommierlust, die „etwas bringen“, man wollte „Liebespaare verarschen“ und verlor dabei die Kontrolle.