Von Rolf Kunkel

Die Szene weicht so schnell nicht aus dem Gedächtnis: gegen 14.00 Uhr am Nachmittag des 23. August öffnete sich die schwere Eichentür des Konferenzsaales im Münchener Maximilianeum. Die herausströmenden Delegierten signalisierten das Ende einer Sitzung, deren einziger Tagesordnungspunkt lautete: Neuwahlen. Zu jenen, die zuerst ins Foyer kamen und an den wartenden Journalisten vorbei zum Ausgang strebten, gehörte das deutsche IOC-Mitglied Berthold Beitz. Irgend jemand rief ihm zu: "Noch so jung im IOC und schon so schweigsam?" Der Industriemanager konnte ein Schmunzeln nicht verbergen, drehte sich um und sagte: "Killanin hat gewonnen."

Mit diesem lapidaren Statement kündigte sich der Wechsel an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees an. Nach zwei Jahrzehnten uneingeschränkter Alleinherrschaft retirierte der Amerikaner Avery Brundage ins Privatleben. Die Verhältnisse bei seinem Abgang waren symptomatisch für seine Amtszeit: sie hätten dramatischer und kontroverser nicht sein können. "Trouble is my business" hatte Brundage einmal müde lächelnd einem Journalisten erklärt, und in der Tat blieb er sich diesem Leitspruch bis zur letzten Minute seiner zwanzigjährigen Präsidentenzeit treu. Noch am Vorabend der Wahl ließ er unter dem Eindruck der Rhodesien-Entscheidung eine bei ihm selten zu beobachtende Resignation erkennen: "Die Spiele sind tot, die Politik hat die Regie übernommen." Als die Fernsehkameras abgeschaltet waren, ergänzte er: "Wir sind erpreßt worden. Die Schwarzafrikaner stellten uns vor die Wahl, Rhodesien wieder auszuladen oder die Spiele platzen zu lassen. Schon mit Rücksicht auf die Organisatoren mußten wir klein beigeben." 24 Stunden später, bei der Amtsübergabe, hatte er sich wieder in der Gewalt und gab einen seiner Coubertin entlehnten Standardsätze zum Besten: "Die Olympischen Spiele sind unsterblich. Wenn das Feuer an einer Stelle verlöscht, wird es an anderer Stelle wieder entfacht."

Sein Nachfolger, der in Dublin beheimatete Lord Killanin, gab sich weniger sentimental. "Vielleicht", so dachte er laut nach, "haben wir uns in der Vergangenheit zu sehr mit Nebensächlichkeiten beschäftigt und darüber ganz vergessen, die politischen Entwicklungen im Auge zu behalten, um keine Überraschungen zu erleben." Das war ein Kernsatz seiner Regierungserklärung, der als Seitenhieb auf Brundage seine Wirkung nicht verfehlte. Wenn sich der 58jährige Michael Morris 3. Lord Killanin von seinem 85jährigen Amtsvorgänger unterscheidet, dann durch rationale Denkweise. Für die heile Amateurwelt à la Brundage kann er sich nicht begeistern: "Die Spiele sind ein großer Zirkus, und wir müssen uns darauf einstellen. Die olympischen Teilnahmebedingungen sollten so abgefaßt sein, daß die Sportler nicht durch ihre NOKs oder Regierungen gezwungen werden, Lügen zu unterschreiben." In gewisser Weise ist der irische Peer ein Anti-Brundage, dem die Chance zuteil wurde, eine neue Seite im olympischen Buch aufzuschlagen.

Bei allen Meinungsverschiedenheiten, und es gab deren viele, hatte Lord Killanin allen Grund, seinem Vorgänger Dank abzustatten. Das bezog sich einmal auf die Leistungen Brundages, der einen Großteil seines Lebens in den Dienst der olympischen Bewegung gestellt hat, eine Aufgabe, die ihn zweifellos reizte und die gelegentlich seiner Eitelkeit, aber niemals seiner Brieftasche schmeichelte. Zum anderen lobte Killanin die Fairness des heutigen IOC-Ehrenpräsidenten, der – obwohl ihm das leicht möglich gewesen wäre – keinen Nachfolgekandidaten bevorzugte und jedem seine Chance ließ.

Lord Killanin hat zu seinen ehemaligen Kollegen, den Journalisten, ein ausgezeichnetes Verhältnis. Wen wundert das bei einem Mann, der selbst Zeitungsreporter war, Bücher geschrieben und Filme gedreht hat, und in dessen Reisepaß die Berufsbezeichnung "Schriftsteller" steht. Im Gegensatz zu Brundage vermeidet er spektakuläre Auftritte. Während der alte Herr aus Chikago bereitwillig Interviews gab und sich jedesmal diebisch freute, wenn seine meistens brüskierenden, oft undurchsichtigen und selten von diplomatischer Rücksichtnahme geprägten Äußerungen in Sportkreisen wie eine Bombe einschlugen, versucht der Ire, das olympische Image auf möglichst lautlose Weise zu verbessern. Er möchte Kontroversen in den zuständigen Gremien und nicht in den Spalten der Weltpresse behandelt wissen. Viele von der Öffentlichkeit unbemerkte Änderungen zeigen, daß die Ära der one-man-show endgültig der Vergangenheit angehört. Der neue Präsident betrachtet sein Exekutivkomitee als das IOC-Management und sich selbst als Aufsichtsratsvorsitzenden, eine Funktion, für die er von Berufs wegen einige Erfahrung mitbringt. Seine hervorstechendsten Eigenschaften, persönlicher Charme, Humor, verbunden mit einem pragmatischen Liberalismus und einer gehörigen Portion Flexibilität, sicherten ihm auch die Wahl ins höchste Sportamt der Welt. Selbst die als sehr konservativ bekannten IOC-Mitglieder votierten mit großer Mehrheit für ihn, weil er bei aller Progressivität ein Mann der Mitte geblieben ist, dessen Stärke darin liegt, daß niemand ihn rundweg ablehnt.

Überdies öffnete ihm sein Name manche Tür. Der Titel fiel dem 13jährigen Michael Morris zu, als sein Vater im Ersten Weltkrieg fiel. Er hat ernsthaft nicht daran gedacht, ihn abzulegen, obwohl es Zeiten gab, in denen solches für pfeiferauchende irische Peers en vogue war. "Ich mochte es einfach meiner Frau nicht zumuten, alle Namensschilder an meinen Hemden und Pyjamas zu ändern", erinnert sich heute der joviale Ire mit der runden Gestalt, dem vollen Gesicht und den stark angegrauten Schläfen. Er ist froh, den Titel nicht einer Laune geopfert zu haben, denn das IOC gibt sich seit jeher gern einen adeligen Anstrich. Es ist sicher kein Zufall, daß es sich bei den Präsidentenanwärtern um einen Grafen (de Beaumont) und einen Lord (Killanin) handelte. Letztlich war die Pro-Kilianin-Entscheidung jedoch von praktischen Erwägungen und dem Wissen getragen, daß die olympische Bewegung seit Jahren von der Hand in den Mund lebt. Das heißt: niemand weiß, was in zwei, drei oder gar vier Jahren zu Zeiten der nächsten Olympiade sein wird. Den Olympischen Spielen einen festen Platz zu sichern, sie krisenfester gegenüber den teils stürmischen Entwicklungen unserer Zeit zu machen, ist daher die vordringlichste Aufgabe.

Das Brundage-Rezept ("Wir müssen die Politik von den Spielen fernhalten" und "Es dürfen nur reine Amateure teilnehmen") schien den Delegierten wenig geeignet, die Probleme zu lösen und das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts in Angriff zu nehmen. Mit der von Lord Killanin aufgezeigten Alternative ("Wir müssen uns mit der Politik arrangieren und die Spiele für alle offenhalten, die nicht ausdrücklich Profisportler sind") ist eine vernünftige Grundlage für die dringend notwendigen Reformen gefunden worden. Eine konfliktfreie Zukunft wird die olympische Bewegung nicht haben, aber die Chancen, das Wirrwarr unter den fünf Ringen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, sind seit dem 23. August 1972 erheblich gestiegen.