Von Manfred Sack

Um ein Haar hätte sie in die internationale Galerie aufsehenerregender zeitgenössischer Architektur gehört: die in Hamburg soeben vollendete "Alsterschwimmhalle". Aber das ist nur ihrem Dach geglückt; was darunter ist, paßt nicht ganz dazu, lenkt ab von seinem Schwung, trübt die Brillanz seiner Form.

Dieses Dach ist bemerkenswert erstens, weil es das größte – und gewagteste – seiner Art ist, zweitens, weil seine Gestalt eine der schönsten geometrischen Figuren wiedergibt, ein doppeltes hyperbolisches Paraboloid. In die Umgangssprache übertragen ist es ein Schmetterlings nach und damit von unaufdringlicher Symbolik (wenngleich die Schwimmweise inzwischen, dem geänderten Beinschlag zufolge, den Namen des Delphins bekommen hat), eine Bauskulptur jedenfalls von großartiger Gestik, ein städtebaulich hervorragend placiertes Ausrufungszeichen, eine Sportstätte endlich, die die jahrelang vernachlässigten Schwimmer dieser Stadt vorsichtig jubeln läßt; denn die Halle hat eine Fünfzig-Meter-Bahn, bekommt eine elektronische Zeitmeßanlage und gehorcht damit den internationalen Wettkampfbestimmungen. Hamburg hat sich, mit 32 Millionen Mark nicht einmal übertrieben teuer bezahlt, endlich einmal etwas Besonderes geleistet: ein Dach.

Das Fachvokabular nennt dafür die Bezeichnung "Flächentragwerk". In der Tat trägt sich das Dach selber, nach dem "Prinzip Ei": Die aus zwei aneinandergereihten Quadraten bestehende Betonschale des Dachs ruht auf drei dicken Stützen, in denen es in die Erde mündet: auf der hinteren Längsseite an den Ecken, auf der Vorderseite in der Mitte. Die ihnen entgegengesetzten Ecken ragen auf wie Flügel, stützenlos – statisches Ergebnis dieser geometrischen Form, die Steifigkeit aus ihren Krümmungen bezieht. Das Schalendach aus Spannbeton, in einem Zug gegossen, ist zwar 102 mal 52 Meter groß, aber nur ganze 0,08 Meter dick. Die metaphorische Bemerkung, daß es schwinge, ist auch physisch korrekt: beim letzten Sturm maß man zwölf Zentimeter an den Flügelspitzen; damit es durch Wind, Gewicht oder Temperatur nicht mehr als dreißig werden, ist es teleskopartig gelagert, sein Schwung wird gebremst.

Dieses Dach ist der glorreiche Einfall der Architekten Horst Niessen aus Wiesbaden und Rolf Störmer aus Bremen, beide (unter 86 Einsendern) die ersten beiden Gewinner eines vorangegangenen Wettbewerbs und danach von den Hamburger Wasserwerken mit dem endgültigen Entwurf der Schwimmhalle beauftragt. Jetzt, am Ende der viereinhalbjährigen Bauzeit, hat man freilich den Eindruck, als sei ihnen nach dem mutigen Höhenflug in die sphärische Geometrie der Atem ausgegangen, die Idee zu Ende zu denken und makellos zu verwirklichen. Mit einem Schneider verglichen, haben sie einen Anzug von außergewöhnlich rassigem Schnitt zustande gebracht, aber Taschen und Futter mit Sicherheitsnadeln befestigt.

Nun ist es wirklich sehr schwierig, eine ästhetisch so empfindliche Dachfigur nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, wenn man nun so niedrigen Überlegungen nachhängen muß: wie man ins Haus gelangt, wo man das Schwimmbecken für die Anfänger unterbringt und die Büros, und wie man das alles so formt, daß der Schmetterling oben nicht geweckt wird.

Eben das haben die Architekten nicht geschafft. Als sie darangingen, den riesigen Raum mit einer Glashaut transparent zu umschließen, stellten sie, um die Scheiben zu befestigen, Gittermasten in großer Zahl auf. Wenn es auch heißt, die weißen Plastikrohre darin bliesen Luft aus, damit die Scheiben nicht beschlagen, bleibt doch die visuelle Kränkung durch diesen Zaun von Masten: Kratzer auf einem ästhetisch reinen Bild.