Natürlich ist aus solcher Perspektive jeder Reformansatz hoffnungslos und nur Ausdruck eines naiven Gemüts: Die Forderungen nach Mitbestimmung, wie sie etwa von Gewerkschaften oder spontan gebildeten Redakteursversammlungen erhoben werden, dienten lediglich dazu, den Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital zu verschleiern; statt dessen verlangen die Autoren gezielten Kampf, etwa einen gemeinsamen Streik von Redaktion und Technik. Am Ende legt der Leser, sofern er seinen Glauben an die Wirksamkeit reformerischer Appelle noch nicht verloren hat, diesen Band ärgerlich zur Seite und bedauert höchstens den SPD-Wahlredner Heinrich Böll, der offensichtlich nicht wußte, für welchen Autorenkreis er sein engagiertes Vorwort schrieb.

Weit nachdenklicher stimmt der Erfahrungsbericht eines Betroffenen, der an seinen Bemühungen um demokratische Mitbestimmung innerhalb der Presse gescheitert ist:

Bodo Zeuner: "Veto gegen Augstein. Der Kampf in der Spiegel-Redaktion um Mitbestimmung"; Hoffmann und Campe, Hamburg 1972; 240 S., 12,80 DM.

Diese größtenteils spannend geschriebene Reportage soll resümieren, wie eine Gruppe "von linksliberalen und sozialistischen Journalisten in einem großen kapitalistischen Pressebetrieb für Mitbestimmung und innere Pressefreiheit kämpfte, welche Fehler sie machte, welche Teilerfolge sie errang und warum sie letztlich mit ihrer Strategie gescheitert ist". Tatsächlich ist der Autor der Verpflichtung seines Vorworts nachgekommen; sein Bericht geht über die Interna eines großen Verlagshauses weit hinaus und kann als Modellfall für jeden Versuch gelten, in kapitalistisch verfaßten Unternehmen innere Pressefreiheit durchzusetzen. Zeuners Beschreibung der Spiegel-Hierarchie, die sich augenfällig in jenem Konferenzritual äußert, wo sich nach strenger Sitz- und Stehordnung die Redakteure um den Sessel Rudolf Augsteins versammeln – dieser ironische Blick hinter die Kulissen des Nachrichtenmagazins ist notwendig, weil er viel über das berufliche Selbstverständnis von Journalisten offenbart.

Parallelen sind erlaubt: In Hamburg und anderswo hatte erst die studentische Protestbewegung vielen Journalisten ihre Abhängigkeit vom privaten Profitinteresse der Verleger ins Bewußtsein gehoben. Der Ruf nach Mitbestimmung erfaßte plötzlich sogar die Zeitungsredaktionen und mündete in der Forderung nach Statuten, die ein Mitspracherecht der Journalisten garantieren sollten. Bei Zeuner ist nachzulesen, wie die Mehrheit der Spiegel-Journalisten von dieser Euphorie beflügelt und durch allmähliche Gegenstrategie des Verlags-Establishments in ihrem Selbstbewußtsein erschüttert wurde, bis jene arg dezimierte, inzwischen weithin geschaßte Gruppe übrigblieb, die mit einem anonymen Flugblatt die Auseinandersetzung angezettelt hatte.

Woran sind diese Journalisten mit ihren Forderungen gescheitert? Darüber diskutieren sie am Schluß des Bandes, und ihr selbstkritisches Resümee ist an manchen Stellen höchst aufschlußreich. Abgesehen von deprimierenden Aussagen über das unterentwickelte Arbeitnehmerbewußtsein der Journalisten, die in Konfliktsituationen wie deklassierter Mittelstand reagierten, dreht sich das Gespräch immer wieder um die Frage nach der Tauglichkeit der eigenen Mittel: Weil spontane Solidarität unter dem Druck des Verlegers sehr rasch zerbröckele, müßten die Journalisten stets nach Verbündeten Ausschau halten. Redaktionsstatute müßten danach durch ein Presserechtsrahmengesetz, durch ein verbessertes Betriebsverfassungsgesetz ohne Tendenzklausel und durch die Verankerung von Mitbestimmungsrechten in Tarifverträgen abgesichert werden – eine Zielvorstellung, die sich unter resignierten Reformern, in Funkhäusern und Zeitungsredaktionen allmählich durchzusetzen scheint.

Wie immer man freilich über das Thema "Innere Pressefreiheit" urteilt – für konservative Betrachter ist dieser Begriff identisch mit jenem trojanischen Pferd, das eine Machtergreifung sogenannter "Ultralinker" in den Verlagshäusern ermöglichen soll. Dies jedenfalls ist der Grundtenor des Buches von