Von Peter Demetz

Nichts ist lebendiger in diesem Augenblick als die Literatur über den Tod der Literatur; selbst in Dublin oder in einem Tiroler Dorfwirtshaus geht’s nicht so hoch und kräftig her nach einer "schönen Leich’". Oder hat man den Totenschein voreilig ausgestellt, und die alte Dame ist noch gar nicht verblichen?

In den telegenen Euphorien des Radikalismus, vor vier oder fünf Jahren, war man mit Eifer dabei, die Agonie der Literatur und der spätbürgerlichen Gesellschaft in Geist und Körper zu konstatieren, aber diese Agonie des zähen Spätbürgerlichen ist anderen Diagnostikern wie eine erneute Rekonvaleszenz. Da sich H. M. Enzensberger wieder dem süßen Laster der Poesie hingibt, Peter Handke wunderbar komplizierte Geschichten von Kärntner Blut und Scholle schreibt und Walter Höllerer, ungeachtet aller semiotischen Exhibitionen in der Akademie, in seinem eigenen Roman den Gutenbergschen Erfindungen des fünfzehnten Jahrhunderts noch immer vertraut, bedürfen die Prophezeiungen von gestern einiger Revision.

Aber warum die unleugbare Reduktion des Literarischen? Weil sich die Gesellschaft verändert, oder weil in der konsolidierten Industriegesellschaft der divergenten Medien nur mehr sieben Prozent aller Bundesbürger jährlich ein einziges Buch kaufen? Muß der Schriftsteller in den anderen Medien arbeiten, wenn er noch gelegentlich Literarisches produzieren will? Ist es einfach, vom literarischen Text, den der einzelne in die Maschine tippt, zum Fernsehskript hinüberzuwechseln, das der "Realisation", innerhalb strenger technologischer Grenzen, durch eine ganze Gruppe von Herstellern bedarf? Diese und andere Fragen von einiger Wichtigkeit stellt die neue Publikation

"Die Literatur und ihre Medien: Positionsbestimmungen", herausgegeben von Ingeborg Drewitz; EugenDiederichs Verlag, Düsseldorf; 250 S., 18,50 DM.

Sie begnügt sich nicht immer mit derivativen Antworten und gibt, zu unserem Vergnügen, mehr als vierundzwanzig Autoren, Regisseuren, Kritikern, Rundfunk- und Fernsehproduzenten selbst das Wort. Gut, daß Ingeborg Drewitz in ihrem panoramatischen Vorwort, das die Entwicklungen der beiden letzten Jahrzehnte überblickt, keine glatten Systeme konstruiert; sie läßt die Möglichkeit offen, daß Veränderungen der Gesellschaft, Konflikte der Generationen und Wandlungen der Medien-Technologie mit- und gegeneinanderlaufen, spricht mit Recht von der Informationsüberflutung und der schwierigen Individuation der Sprache und prüft den Einbruch der auditiven Signalsysteme in die Literatur.

Ich finde nur, sie spricht allzuoft und allzu bedauernd von der splendid Isolation der älteren Literatur (zu welcher jetzt auch die Großväter von anno 47 gehören). Es kommt auf den Akzent an (strahlend oder isoliert?), denn manche Elfenbeintürme der Literatur haben oben Leuchtfeuer drauf, welche die menschliche Erfahrung bis in die fernsten Horizonte illuminieren, und viele der Autoren, die gerade in dieser Anthologie versammelt sind, haben ihren offenbaren Spaß an einer vorläufigen Autonomie jenseits aller Stallwärme von Rasse, Klasse oder verbindlichen Ideologie.