Von Marion Gräfin Dönhoff

Nur wenige erinnern sich heute noch daran, welch einzigartige Rolle Ernst Friedlaender – der 77jährig in diesen Tagen in Köln gestorben ist – in jenen Jahren spielte, in denen die Deutschen ohne Hoffnung auf die Trümmer ihrer Großstädte starrten und Flüchtlinge und Heimkehrer ziellos über die Landstraßen wanderten.

Er war einer der ersten, der wieder zurückkam in das Land, aus dem Hitler ihn vertrieben hatte. Gleich 1946 erschien bei Claasen Govert – damals noch unter dem Pseudonym Ernst Ferger – eine Sammlung von fünf Reden, die sich an die deutsche Jugend richteten: an die Trotzenden, an die Skrupellosen, an die Müden, an die Traditionsgebundenen, an die Suchenden. Vom Dezember 1946 an standen seine Leitartikel dann in der ZEIT und wanderten von Hand zu Hand, denn von ihnen ging damals eine seltsam magische Kraft aus. Sie hatten eine Dimension mehr als alles, was sonst geschrieben wurde.

Nachdem die alten Wertordnungen von Hitler systematisch ausradiert worden waren und er an die Stelle von Recht Willkür, von Objektivität Parteilichkeit gesetzt und diejenigen zu Helden erhoben hatte, die bedenkenlos seine Befehle ausführten, war schließlich auch dieses pervertierte Bezugssystem zusammengebrochen. Nun standen viele, vor allem junge Menschen, vor den Trümmern ihrer Weltanschauung.

Ernst Friedlaender machte sich sofort daran, diese Trümmer zu sichten: Er sprach den Desperaten Mut zu, lehrte, "ja" zur Nation, aber "nein" zum Nationalismus zu sagen: Der junge Deutsche, der im Jahre 1939 willig in den Krieg zog, weil er glaubte, es gelte Deutschland zu verteidigen, war kein Nationalist. Er war ein Betrogener, der die verbrecherischen Absichten der "politischen Führung" nicht erkannte.

"Mit dem Vorwurf Nationalismus ist man heute schnell bei der Hand, besonders wenn es sich um einen Deutschen handelt", so schrieb er im Februar 1947 in Verteidigung Kurt Schumachers. Und: "Wir sind seit 1000 Jahren ein Volk, aber erst seit eineinhalb Jahrhunderten eine Nation .. Dieses "Wir" in einer Zeit, in der die Deutschen wie Aussätzige gemieden wurden und sie selbst bemüht waren, sich von diesem "Wir" zu distanzieren – das ging jedem wie ein warmer Strom durchs Herz.

Das Problem der Nation hat Friedlaender oft beschäftigt. Er meinte, sie sei unentbehrlich in unserer historischen Phase. Nation sei "das von sich selbst wissende Volk"; gleichzeitig aber warnte er vor einem engstirnigen Festhalten an der Nation als dem Höchsten und Letzten, wenn es die Möglichkeit gäbe, in einer mehreren Völkern übergeordneten Völkergemeinschaft zu leben. Er, der früh in solchen Kategorien dachte, hat dann später seine Zeit vor allem der Einigung Europas gewidmet – seit 1954 als Präsident des Deutschen Rats der Europäischen Bewegung.

Die erste Hälfte seines Lebens war der Industrie gewidmet gewesen: Er war Leiter einer Tochtergesellschaft der IG Farben in Amerika. Erst nach 1934 begann seine schriftstellerische Laufbahn, und erst nach 1945 hat Ernst Friedlaender dann als Journalist bewiesen, wie groß die Macht des Wortes sein kann, wenn ein integrer Mensch hinter diesem Wort steht.