Von Eduard Neumaier

Mangelnden Mut bei der Besetzung des Bundespresse- und Informationsamtes kann man dem Kanzler nicht nachsagen: einen Freien Demokraten, Rüdiger Freiherr von Wechmar, stellte er an die Spitze, einen Parteilosen, Armin Grünewald, machte er zum stellvertretenden Sprecher, und einen bis dahin unbekannten Genossen aus Köln, Norbert Burger, ernannte er zum stellvertretenden Amtsleiter und faktischen Verwaltungschef des 800 Mitarbeiter beschäftigenden Informationsapparates. Daß überhaupt noch ein Sozialdemokrat in die oberen Ränge einrücken konnte, geht sowohl auf die selbstbewußte Bescheidenheit Grünewalds zurück, der mit der Verwaltung der Behörde möglichst wenig zu tun haben wollte, als auch auf seinen Sicherheitsinstinkt: er meint, in der jetzigen Kombination weniger kritikanfällig und durch die SPD manipulierter zu sein, als er es in der bis vor kurzem gültigen Amtskonstellation gewesen wäre.

Die Troika in der Bonner Welckerstraße kann argwöhnischer Beobachtung sicher sein, nicht zuletzt durch die SPD, der es seit 1969, trotz mancher Versuche, noch nicht gelungen ist, die einflußreiche Behörde in den Griff zu bekommen. Conrad Ahlers, Wechmars Vorgänger, hat sich kräftig, unbekümmert, wenn auch nicht immer sehr geschickt zur Wehr gesetzt und damit manchen Zorn auf sein Haupt gezogen. Solcher Verdruß wird vermutlich auch dem früheren Vize im Amt und jetzigen Chef des Presse- und Informationsamtes nicht ganz erspart bleiben. Und dies wäre für Wechmar eine neue Erfahrung. Zwar: mit dem üblichen Amtsärger hat auch er leben müssen. Im ganzen aber ist von Weimar in den drei Jahren seiner Amtszeit fast verwöhnt worden.

Er hat das Wohlwollen Fortunas allerdings durch immensen Fleiß gefördert; eine glückliche Kombination von Talenten, unter denen seine außerordentliche Gewandtheit am meisten hervorstach, kam ihm dabei zu Hilfe. Ahlers war ein mühsam verhinderter Politiker, der aus seinem Herzen keine Mördergrube machte, weder in Bonn noch auf internationalem Parkett, Wechmar dagegen zelebrierte die hohe Kunst des Verkäufern. Während der schwierigen Moskauer Verhandlungen Außenminister Scheels im Sommer 1970 hat er es verstanden, einer Hundertschaft deutscher und einigen fünfzig ausländischen Journalisten die delikaten Verhandlungssituationen aufs angenehmste zu erläutern. Sie hatten oft nur wenig Informations-, aber hohen Unterhaltungswert, solange die Verhandlungsgeheimnisse gewahrt werden mußten. Fast zum Stereotyp wurde sein täglicher Vergleich der Verhandlungen mit dem Autofahren: jetzt habe man den ersten Gang eingeschaltet, dann Gas zurückgenommen, gebremst, sei schließlich in volle Fahrt gekommen.

In jenen Tagen ist die Mutation vom einstigen nachrichtenhungrigen UPI-Korrespondenten in Bonn zum diplomatischen Vermittler der Regierung sichtbar geworden. Im äußeren Erscheinungsbild ist er sowieso der Typus eines modernen Diplomaten; dem entsprechen seine Verbindlichkeiten und seine behutsame Sprache, die gleichsam tastend der Komplexität einer Materie beizukommen sucht. Daß er eine bezaubernde Frau neben sich hat – es muß schon beinahe so sein.

Wechmar hat das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt (Obersetzer der Reuters-Nachrichten beim Deutschen Pressedienst, Reporter bei den Nürnberger Nachfolge-Prozessen, Nachtredakteur, Büroleiter), er hat Karriere gemacht. Gleichwohl hat ihn der diplomatische Dienst schon früh fasziniert. 1958 wurde er Pressereferent am Deutschen Generalkonsulat in New York, wo er, gedrängt von seinen Erfahrungen in Kriegsverbrecherprozessen, alles daran setzte, das versteinerte Verhältnis der amerikanischen Juden zur Bundesrepublik aufzulockern – mit Erfolg, wie ihm von dort attestiert wird. 1963 kehrte er noch einmal zum Journalismus zurück, arbeitete für das ZDF in Wien, dann aber schlug das Wechmarsche Naturell endgültig durch. Knapp zwei Jahre lang leitete er das German Information Center in New York, bevor er, SPD-Wähler von 1969, Walter Scheels Angebot akzeptierte, im Gespann der Pressesprecher für die Liberalen ins Geschirr zu gehen.

Die journalistischen Besonderheiten sind ihn nicht verlorengegangen: Das Verständnis für die Neugierde blieb, aber anders als Ahlers weicht er keinen Zollbreit von der Regierungsfunktion ab. Es wäre ganz und gar undenkbar, daß von Weimar die Rolle des Bild-Sonderkorrespondenten in Erfurt übernommen hätte, wie es Ahlers aus Verärgerung über die restriktiven Journalistenzulassungen der DDR beim ersten Treffen Brandt-Stoph tat.