Nach den ersten zehn Minuten erwartet man ein Meisterwerk wie „Der zweite Atem“ oder „Vier im roten Kreis“. Doch die Dreizehn, scheint es, ist nicht die Glückszahl von Jean-Pierre Grumbach, der sich aus Bewunderung für den Autor von „Moby Dick“ Melville nennt. „Un flic“ (zu schlecht deutsch: „Der Chef“) zeigt den Meister des französischen Unterwelt-Films etwas außer Tritt.

Melvilles maskenhaft starrer Asphalt-Samurai Alain Delon spielt nach seinen Gangsterrollen in „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ diesmal einen Pariser Polizeikommissar, eben jenen „flic“. Zum erstenmal in einem von Melvilles rituellen Räuber-und-Gendarm-Spielen avanciert hier ein Ordnungshüter zur zentralen Figur, nachdem in den früheren Filmen das Geschehen überwiegend aus der Perspektive der Gangster erzählt wurde. Delons Kommissar Edouard Coleman ist so kühl zynisch und skrupellos brutal wie seine Vorgänger Paul Meurisse in „Der zweite Atem“, François Perier in „Der eiskalte Engel“ und André Bourvil in „Vier im roten Kreis“.

Delon gegenüber steht der Gangster Simon (Richard Crenna). Die beiden Männer haben vieles gemeinsam, verkehren in der gleichen Bar und teilen sich sogar das Mädchen Cathy (Catherine Deneuve). Verbunden sind sie überdies durch die Achtung der gegenseitigen Fähigkeiten, eine Art von „professional courtesy“, wie Howard Hawks das in „El Dorado“ genannt hat, fast schon Freundschaft.

Diese merkwürdige Beziehung, auch sie ein konstantes Motiv im Melvilleschen Universum, rückt in „17“ flic“ erstmals in den Mittelpunkt der Handlung. Doch Melvilles Faszination am latenten Einverständnis und der schließlichen Austauschbarkeit von Polizist und Verbrecher überträgt sich kaum auf den Zuschauer. Denn allzu ungleich sind die Gewichte verteilt: Dem eindrucksvoll düsteren Todesengel Delon ordnet Melville einen nicht unsympathischen, aber leider ganz und gar durchschnittlichen Allerwelts-Gangster zu, fern jener titanischen Aura eines „Übermensch manqué“, mit der der Nietzscheaner und Gaullist Melville seine kriminellen Heroen gewöhnlich umgibt und deren literarische Tradition in Frankreich von Diderots „Rameaus Neffe“ bis zu Jean Genets „Tagebuch eines Diebes“ reicht. „Die Menschen“, schrieb Diderot, und Melville stimmt ihm zu, „bespucken einen kleinen Gauner, aber es ist unmöglich, dem großen Verbrecher eine Art von Respekt zu versagen: Sein Mut erstaunt sie; seine Grausamkeit macht sie erschauern. Vor allem schätzen wir die Einheit seines Charakters.“

Und genau jene fehlt dem Gangster in „Un flic“. Zwar sieht man ihn einen tolldreisten – und in der Kombination von Modell- und Realaufnahmen auch perfekt inszenierten – Supercoup ausführen, abernoch während er, sich vom Hubschrauber auf einen fahrenden. Zug abseilt, wirkt er mehr wie ein lässiger amerikanischer Serienheld (genau das war Crenna übrigens einmal) denn als „großer Verbrecher“. Bald verliert der Zuschauer das Interesse an der Figur und wartet nur noch auf die Auftritte von Delon, die mangels Spannung im Verhältnis der Protagonisten zueinander oft beziehungslos erscheinen. Selbst das Showdown, bei dem sich der Gangster absichtlich erschießen läßt – wie vor ihm Lino Ventura in „Der zweite Atem“ und Delon in „Der eiskalte Engel“ –, läßt so trotz der intendierten Tragik seltsam kalt und unbeteiligt.

Melville vernachlässigt die Charakterisierung seiner Figuren zugunsten einer formal vollendeten Inszenierung. Das Ergebnis ist notwendig Leerlauf, wenn auch von einer stilistischen Qualität, die „Un flic“ immer noch zu einem überaus sehenswerten Film macht. Kein anderer Regisseur außer Robert Bresson geht zum Beispiel so virtuos mit den-Möglichkeiten des Tons um wie Melville. „Un flic“ ist voll von präzis kalkulierten akustischen Signalen, einer ebenso reichen wie beunruhigenden: Geräuschwelt, die häufig die Faszination einer ganzen Sequenz konstituiert, Auch seine (Meisterschaft im Umgang mit Farben, und Dekors, deren Zusammenspiel jene für ihn so typische Atmosphäre fahlen Zwielichts, und beklemmender Klaustrophobie entstehet: läßt, hat Melville keineswegs verlernt.

Und selbst – seine schon fast pathologische Misogynie bringt er wieder ein. Wenn Catherine Deneuve, als Krankenschwester verkleidet, einem Schwerverletzten ungerührt die tödliche Spritze verpaßt, läßt einen zumindest die ungebrochene Obsession des Anti-Feministen Melville hoffen, er möge, sein großes Talent demnächst wieder einem würdigeren Thema zuwenden.

Hans C. Blumenberg