Legion Condor in Spanien

Von Karl-Heinz Janßen

Niemals wird soviel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd“, sagte Bismarck, der sich in allen drei Metiers auskannte. Seither sind die Methoden der Propaganda noch viel raffinierter geworden. Vor allem die Kriegslügen haben keine kurzen Beine mehr. Der Streit um Guernica wogt nun schon sechsunddreißig Jahre lang – und immer noch bleibt die Wahrheit verdeckt.

Die Zerstörung der baskischen Kleinstadt im April 1937 gilt – spätestens seit dem berühmten Gemälde Picassos – als erstes großes Kriegsverbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands. Wer sich über die Unmenschlichkeit des Bombenkrieges empört, nennt Guernica in einem Atemzug mit Warschau, Rotterdam, Coventry, Dresden, Hiroshima und jetzt auch Hanoi. Der französische Schriftsteller Vercors wiederholte in seinem Protest gegen Nixons weihnachtliche Terroroffensive den alten Weheruf: „Guernica, Guernica, Guernica!“

Aber wer hat Guernica zerstört? Über die Vernichtung dieser historischen Stadt – dort steht die alte Eiche, unter der Spaniens Könige die Rechte der Basken beschwören mußten – gibt es bis heute drei Versionen:

  • Flugzeuge der Legion Condor haben die Stadt mit Spreng- und Brandbomben angegriffen (beteiligt waren auch italienische Bomber, die den deutschen Ju 52 zum Verwechseln ähnlich sahen). Diese Version wurde damals von der baskischen Regierung, vom Bürgermeister der Stadt, von vielen Augenzeugen und auch von der Weltpresse verbreitet (ausgenommen die Blätter in Deutschland und Italien).
  • Die „Bolschewiki“ haben die Stadt durch asturische Minenarbeiter dynamisieren und mit Petroleum anzünden lassen, um die Tat dann den „Nationalspaniern“ in die Schuhe zu schieben (Ersatz-Version: Es waren Flugzeuge der „Roten“). Dies war die Lesart der faschistischen Propaganda.
  • Beide Kriegsparteien haben das Zerstörungswerk vollbracht: Erst haben die Faschisten die Stadt bombardiert (und hernach auch noch mit italienischen 42-cm-Geschützen beschossen), dann haben die Republikaner beim Rückzug gesprengt und gezündelt.

Eine Variante eigener Art ließ sich der Vorkriegs-Bestseller-Autor Werner Beumelburg („Sperrfeuer um Deutschland“) einfallen, der 1939 im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums „die Geschichte der Legion Condor“ geschrieben hat: „Am 29. (April) fiel die berühmte Wallfahrtsstadt, die von den Roten gänzlich zerstört war. Die Bomben der Angreifer hatten ihr den Rest gegeben,“ Da Beumelburg die Akten der „Legion Condor“ gekannt hat (sie sind anscheinend während eines Bombenangriffs im Zweiten Weltkrieg verbrannt), steht zumindest fest, daß die Deutschen Bomben auf Guernica geworfen haben.

Erhärtet wird diese Tatsache durch einen Bericht des Vizeadmirals Hellmuth Heye, des späteren Wehrbeauftragten des Bundestages, der im Juli 1938 nach einer Dienstreise durch Spanien dem Auswärtigen Amt mitteilte: „Zweifellos wirkt aber die Erinnerung an den Luftangriff auf Guernica durch die Legion noch heute in der Bevölkerung nach und läßt keine freundlichen Gefühle für Deutschland in der früher ja durchaus deutsch-freundlich eingestellten und keineswegs kommunistischen Bevölkerung der Basken aufkommen.“

Der britische Historiker Hugh Thomas hat in seinem bekannten, allerdings nicht über jeden Zweifel erhabenen Werk über den Spanischen Bürgerkrieg den Überfall auf das Marktstädtchen Guernica als den ersten Probefali des Luftterrors gegen die Zivilbevölkerung eingestuft: „Man kommt kaum um den Schluß herum, daß die Deutschen den Ort bewußt mit der Absicht der Zerstörung bombten, um sozusagen klinisch die Wirkungen eines solchen Terrorangriffes zu studieren.“ Ähnlich hatte schon die Times unmittelbar nach dem Angriff geurteilt: „In der Art der Ausführung und in dem Ausmaß der Zerstörung, aber ebenso auch in der Auswahl der Ziele findet sich für den Überfall auf Guernica in der Militärgeschichte keine Parallele.“

Diese Geschichtsdarstellung soll jedoch auf nichts als eitel Mystifikation und Fälschung beruhen. So konnten es jüngst die Leser der Welt des Buches – einer Beilage von Springers Tageszeitung „Die Welt“ – auf einer ganzen Seite erfahren. Welt Redakteur H. J. Maitre hatte in einer rechtsgerichteten amerikanischen Zeitschrift den Aufsatz eines Geschichtslehrers entdeckt, der den Fall Guernica als Legende entlarvte. Gestützt auf ein „neues Buch“ („Spain, The Vital Years“, von Luis Bolin), wußte der Rezensent vom Dartmouth College in New Hampshire auch gleich den Mann zu nennen, der das Märchen vom deutschen Terrorbombardement erfunden habe: niemand geringeren als den deutschen Kommunisten Willy Münzenberg, den genialen Komintern-Propagandisten.

Was die Welt ihren Lesern verschwieg, war zweierlei: Das Buch des Spaniers ist keineswegs neu, sondern bereits 1967 auf Spanisch und Englisch erschienen und längst auch in deutschen Bibliotheken einzusehen. Sein Verfasser ist ein „alter Kämpfer“ aus dem Bürgerkrieg: der Hauptmann und Monarchist Don Luis Antonio Bolin, damals Londoner Korrespondent der Zeitung ABC.

Bolin hatte im Juli 1936 in England jenes Flugzeug gechartert, das General Franco heimlich von den Kanarischen Inseln nach Spanisch-Marokko brachte, von wo aus er den Putsch gegen die Republik leitete. Er war es, der im Auftrage Francos bei Mussolini um die Lieferung von zwölf italienischen Bombern ersuchte, eben jene „Savoias 81“, die dann auch gegen Guernica eingesetzt wurden. Als Pressechef des Rebellenhauptquartiers erlangte er traurige Berühmtheit, als er Anfang 1937 den britischen Journalisten und Schriftsteller Arthur Koestler verhaften ließ – seine Drohung, „K. wie einen tollen Hund zu erschießen“, wäre beinahe in Erfüllung gegangen. Und er schließlich war es, wie sich die Frankfurter Allgemeine aus Madrid berichten ließ, der damals als erster die Nachricht in die Welt setzte, daß die „Roten“ selber (gemeint waren die baskischen Republikaner) Guernica in Brand gesteckt hätten.

Jene erste Falschmeldung, die zudem noch ein falsches Datum brachte, wurde rasch von der internationalen Presse widerlegt. Einer der ersten, der damals über den Bombenangriff berichtete, war der Times-Korrespondent in Bilbao, G. L. Steer. Nach seiner Darstellung erschien das erste deutsche Flugzeug (vom neuen Typ Heinkel He 111) am Nachmittag des 26. April 1937 um halb vier über dem Städtchen. In Abständen von 20 Minuten folgte dann Angriffswelle auf Angriffswelle – erst He 111, dann die alten Ju-52, zusammen etwa 40 bis 50 Maschinen. Sie warfen 25- und 50-Kilo-Bomben, auch einige 500-Kilo-Luftminen und zuletzt Brandbomben, in Bündeln zu 24 Stück. Ein paar Schlachtflugzeuge vom Typ He 51 machten Jagd auf die in Panik fliehenden Einwohner, unter ihnen auch Milizsoldaten.

Steer hat den Angriff nicht selber miterlebt. Er kam erst nachts um zwei in das brennende Guernica. Im Schutze des unbeschädigten Landtages, in dessen Hof unversehrt die heilige Eiche der Basken stand, kauerten Hunderte von Obdachlosen, zumeist Frauen, auf zerbrochenen Stühlen und nassen Matratzen. Von ihnen ließen sich Steer und andere Journalisten der Weltpresse ( Reuters, Star, Daily Express, Le Soir) den Hergang erzählen. Steer fand in den Trümmern noch einige nicht explodierte Brandbomben mit deutschen Markierungen.

Am 29. April wurde die zerstörte Stadt von Francos Truppen erobert. Erst fünf Tage später durfte ein anderer Times-Korrespondent Guernica betreten – also Zeit genug, um Bombentrichter zuzuschütten und womöglich Zeugen zu präparieren. Immerhin gaben die faschistischen Militärs nun doch zu, was sie zunächst abgestritten hatten: Man habe Guernica über drei Stunden hinweg bombardiert, allerdings nur geringfügig, außerdem sei es von Artillerie beschossen worden – natürlich habe es ein paar Brände gegeben. Aber sie beharrten darauf, daß die baskische Miliz vor ihrem Rückzug einen Teil der Stadt gesprengt habe, und diese Möglichkeit wollten auch die geladenen ausländischen Journalisten nicht ausschließen.

Ihre Darstellung deckt sich mit den Berichten nationalspanischer Frontkommandeure, die Bolin genüßlich abdruckt, obwohl sie von Widersprüchen nicht frei sind. Er zitiert auch General Martinez Esparza: „Ich sah in Guernica zwei völlig verschiedene Arten von Ruinen: einerseits die von Bomben getroffene Waffenfabrik, die Bahnstation und deren Umgebung, andererseits Ruinen jüngeren Datums, das Resultat von Brandstiftung und Dynamit.“ Einige Trümmer hätten noch geraucht, als seine Truppen die Stadt betraten.

Guernica galt zwar als offene Stadt – aber sie hatte das Pech, mitten im Verteidigungsring von Bilbao zu liegen und ein Straßenknotenpunkt zu sein. Zur Zeit des Angriffs hielten sich dort zwei Bataillone Miliz auf. Wie der deutsche Pionier-Oberst Meise 1938 nach einer Besichtigung der Stadt berichtete, sollte bei dem Luftangriff auch die Stadtbrücke zerstört werden, „um den roten Rückzug zu verlegen“. Sie wurde freilich nicht getroffen.

Die Basken und die ausländischen Journalisten waren überzeugt, daß der Angriff vor allem zweierlei bewirken sollte: den Nachschub oder den Rückzug der Verteidiger stören und zugleich die Bevölkerung und die mitten unter ihr lebende Miliz demoralisieren. Der Terror war strategisch eingeplant. Vor Beginn der nationalspanischen Offensive südlich von Bilbao am 31. März 1937 hatte General Mola der Bevölkerung der Baskenrepublik gedroht: „Wenn die Kapitulation nicht sofort erfolgt, werde ich die ganze Provinz Vizcaya dem Erdboden gleichmachen, angefangen mit der Kriegsindustrie. Ich habe die Mittel, so zu handeln!“ Bei Beumelburg liest sich das so: „Alle Einheiten der Legion (waren) über dem weichenden Gegner und verbreiteten bis nach Bilbao hinein Schrecken, Furcht und Tod.“

Eine ganze Reihe von Ortschaften wurde in jenen Apriltagen verwüstet: Ochandiano, Amorebiete, Elorio und am schwersten, drei Wochen vor Guernica, die Stadt Durango, von der Lufthansa-Direktor Wronsky nach einer Dienstreise zu sagen wußte, es sei dort „ohne jede Artilleriebeschießung, allein durch Flugzeugbombardement ... kaum ein einziges Haus erhalten“ geblieben.

Aber erst Guernica, das Symbol der baskischen Freiheit, ließ die Welt zusammenzucken. Zu der Zeit mußte die Regierung des Präsidenten Aguirre befürchten, daß ihre Tage gezählt seien – so heftig war die unerwartete Offensive der Faschisten. Die Empörung in der westlichen Welt mußte den Basken zugutekommen, die internationale Solidarität vermochte die Moral der Milizen zu stärken (in der Tat dauerte es dann noch bis in den Sommer, ehe Francos Truppen die vierzig Kilometer bis Bilbao hinter sich gebracht hatten). Sicher hat die baskische Propaganda, vervielfacht durch die Komintern-Agitation in Paris, das ungeheuerliche Ereignis noch ausgeschmückt – bis heute ist zum Beispiel nicht klar, wieviel von den 7000 Einwohnern und den 3000 Flüchtlingen, die sich in der Stadt befanden, ums Leben kamen. Die Angaben schwanken zwischen 100 und 1654.

Die britische Regierung hätte den Vorfall gern durch eine internationale Kommission untersuchen lassen. Aber Hitler und das Auswärtige Amt lehnten dieses Ansinnen strikt ab – mit gutem Grund, denn General Keitel hatte davor gewarnt, weil in den Trümmern von Guernica zuviel deutsche Bombensplitter stecken könnten. Reichskriegsminister von Blomberg hatte sogleich argwöhnisch bei der Legion Condor angefragt, wer für Guernica verantwortlich sei. General Sperrle, der Kommandeur der Legion, ließ antworten: „Die Deutschen nicht!“ So jedenfalls erinnert sich ein Luftnachichtensoldat, der die Gespräche vermittelte. Diese Auskunft deckt sich mit der Aussage des Generals der Flieger a. D. Carl Drum, die dieser nach 1945 vor amerikanischen Kriegshistorikern zu Protokoll gab; Demnach waren die italienischen Flieger schuld. Während die deutschen Piloten ihre Ziele im Einzelflug angingen, hatten die Italiener eine andere Abwurftaktik: Der Staffelkapitän gab das Zeichen, und alle Maschinen entledigten sich gleichzeitig ihrer Bombenlast. Da die Einwohner Guernicas in die umliegenden Dörfer geflohen waren, könnte sich das Feuer ungehindert und schnell ausbreiten.

Freilich entlastet diese Version die Deutschen nicht. Denn die italienischen wie die nationalspanischen Flieger an der Nordfront waren faktisch der Legion Condor unterstellt. Soweit sich überlebende und beteiligte „Legionäre“ erinnern wollen, war das Ganze ein Kampfeinsatz gegen gegnerische Kräfte und gegen die Brücke, wobei es auch zu Fehlwürfen kam. Genaueren Aufschluß über die Absichten der deutschen Führung könnten nur neue Aktenfunde oder neue präzise Aussagen ergeben. Offensichtlich haben die deutschen Geschichtsforscher da noch etliches aufzuarbeiten. Es würde ihnen manches erleichtern, wenn vielleicht noch verborgene Nachlässe ehemals führender Offiziere der Legion Condor zugänglich würden. Und vielleicht findet sich von jenen „Legionären“, die damals im Stab von General Sperrle Einblick in die Lage hatten, nun doch noch jemand bereit, das seinige beizutragen.