Immer mehr Todesfälle ohne vorausgegangene Verwundung oder Krankheit alarmierten Ende 1942 die Führung der in Stalingrad eingeschlossenen VI. Armee. Vermutet wurden Unterkühlung und Erschöpfung; von Verhungern wagte keiner der etwa 600 Ärzte im Kessel zu sprechen. Um Klarheit zu gewinnen, wurde einer der Pathologen der VI. Armee, Dr. med. Hans Girgensohn, der sich außerhalb des Kessels befand, angefordert. Heute, dreißig Jahre nach Stalingrad, berichtet er zum erstenmal über seinen Sonderauftrag.

Der Befehl traf in Tazinskaja in der Donsteppe am Nachmittag des 15. Dezember ein. Nachdem ich für den Auftrag bestimmt worden war, fuhr ich nach einer schlimmen Bombennacht zum Stab des Armeearztes außerhalb des Kessels nach Morosowskaja, wo mir der Oberfeldarzt den Auftrag (Aufklärung der Todesursache bei den unverwundeten Soldaten) erläuterte und auf der Karte die unmittelbar bevorstehende Entsetzung des Kessels von Südwesten Tier demonstrierte (die sechs Tage später scheiterte).

Im Morgengrauen des 17. Dezember auf dem Flugplatz Befehlsausgabe an die vier Mann Besatzung des Kampfflugzeuges, das Munitionskisten und Kommißbrote als Ladung gestapelt hatte und mich mitnehmen sollte: Flaksperre der Russen am Don südlich umfliegen, zwischen der Sperre und den russischen Jagdflughäfen nach Norden zum Kessel durchbrechen, bei Wolkendecke allein fliegen, sonst nur mit dem angeforderten Jagdschutz. Der Flugzeugführer zu mir: Wir haben für Sie leider keinen Fallschirm übrig, Sie fliegen auf eigene Gefahr. Bis zum Don Wolken, dann blauer Himmel, weit und breit kein deutscher Jäger, Umkehr. Am 18. Dezember der gleiche Anlauf, aber zwischen Don und Wolga vereinzelte Wolken, ein Springen von Wolke zu Wolke, der Heckschütze stößt mich an: Wir haben Glück gehabt, da unten liegt Pitomnik. Ich sah in der weißen Schneedecke eine braune Kraterlandschaft.

Stabsarzt d. R. Dr. Seggel wies mich ein, bestimmte meinen Standort in einem Armeefeldlazarett in einer Balka (Schlucht) beim Bahnhof Gumrak, in Nähe des Armeeoberkommandos, wo ich auch die beiden Sektionsgehilfen vorfand, und veranlaßte über die Divisionsärzte die direkte telephonische Meldung der zu untersuchenden Todesfälle an mich. Ein Pkw mit Fahrer und ausreichend Benzin (bei strengster Rationierung im Kessel) stand zu meiner Verfügung

Die Unterkunft war für Kesselverhältnisse luxuriös: ein Erdbunker im Lehm der steilen Ealkawand mit vorgebauter Holzwand, darin zwei doppelstöckige Feldbetten mit Laken (!), ein Tisch und ein eiserner Ofen, der mit Holz aus den Häusertrümmern von Stalingrad geheizt wurde. Die Verwundeten lagen in einer aufgestellten Holzbaracke auf engstem Raum, ein großes Zelt konnte wegen der Kälte nur nachfür Material benutzt werden.

Die Fahrten zu den Sektionen in dem 30 bis 50 km im Durchmesser großen Kessel waren anstrengend. Es galt zu improvisieren und "inkonventionelle" Wege zu finden, um den Auftrag erfolgreich durchführen zu können. Als Sektionsraum wurden ein Erdbunker, wenn ein Darf vorhanden war, ein vorübergehend geräumtes Zimmer in einer Hütte, ein Eisenbahnwaggon oder ein Zelt zur Verfügung gestellt. Einmal führte ich drei Sektionen hintereinander im Eichen in einer Schneemulde aus, bei minus 30 Giad und unter dem Geknatter wiederholter Tieffliegerangriffe. Aus einem kleinen Bunker wurde immer wieder heißes Wasser gebracht, damit ich meine in Gummihandschuhen steckenden erstarrten Finger auftauen konnte.

Die meisten Hungertodesfälle stellte ich bei der unglücklichen 113. Infanteriedivision fest. Wie mir berichtet wurde, waren die Zahlmeister mit Orden ausgezeichnet worden, weil sie bereits im Herbst vor Eintritt der Schlammperiode mit zeitweiliger Unterbrechung des Lebensmittelnachschubs die Rationen gekürzt und dadurch ausreichend Vorräte für diese Zeit gehortet hatten. Beim "Lastenausgleich" im Kessel (einige Divisionen hatten alles Nachschubmaterial verloren) – mußte die gut versorgte Division alles abgeben und wurde mit ihren schon vorher unterernährten Soldaten zum bevorzugten Opfer des Hungertodes.