ZDF, Sonnabend, 27. Januar: „Direkt. Ein Magazin mit Beiträgen junger Zuschauer.“

Direkt, ein Magazin, in dem Jugendgruppen Gelegenheit haben, ihre Probleme zu artikulieren (Repressionen von Seiten der Lehrer und Meister; mangelnde Selbstbestimmung; Scheinmündigkeit; fehlende Solidarität dank einer Vereinzelung, die, erzwungen, nicht als erzwungen durchschaut wird) ... Direkt stellte Jugendliche vor, die, im ersten Beitrag, die Auseinandersetzung zwischen städtischem Establishment und spontaner Organisation der Beteiligten um ein „Jugendzentrum in Selbstverwaltung“ verdeutlichten: mit Hilfe eines Films, der die unterschiedlichen Aktionsweisen beider Parteien exakt illustrierte. (Hier taktisches Geschick – der OB nimmt die Filmemacher beiseite: Eine kleine Handkamera entlarvt den Versuch, die Funktionäre und die Basis voneinander zu trennen –, dort ein Verbalradikalismus, der sich zu verselbständigen droht: Kampf als Leerformel!) Von der Erläuterung dieser Grundpositionen abgesehen brachte der Film nur bescheidene Informationen.

Was die Dokumentation auszeichnete, war die Manier, in der man sie darbot: Statt das Gezeigte, in gewohnter Weise, als ein naturgewachsenes so und nicht anders auszugeben, demonstrierte man in einem Bericht über den Bericht (einer knappen Darstellung der Genese des Films, seiner Intentionen und der beim Drehen aufgetretenen Konflikte zwischen der Jugendgruppe und den ihr beigegebenen Filmemachern), daß die Darstellung sehr wohl ganz anders hätte ausfallen können. Subjektivität und Parteilichkeit, sonst unterschlagen, wurden betont; das cui bono, in den politischen Sendungen – und nicht nur dort – niemals problematisiert, sah sich präzise bestimmt: Wir wollen mit unserem Film die Bevölkerung von Mannheim erreichen und Gruppen ansprechen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden wie wir.

Kein Zweifel, so etwas ist nützlich und richtig; an dieser Stelle wurde oft genug betont, daß das Fernsehen seine Möglichkeit, Aufklärung zu befördern, erst dann realisiert, wenn es sich selbst in Frage stellt und auf die Subjektivität seiner Darbietungen, die Aspekte der Auswahl und die Prinzipien verweist, die es ihm gebieten, das eine zu zeigen und das andere zu unterschlagen. Dennoch belegten gerade die Beiträge über das Mannheimer Jugendzentrum die These, daß eine verfremdende Erhellung des Gezeigten nur von außen, aus der Distanz heraus, möglich ist. Deshalb wäre es nötig gewesen, die Beteiligten mit Unbeteiligten, wenngleich Engagierten, zu konfrontieren: „Was“ ihr gewollt habt, ist deutlichaber habt ihr auch erreicht, was ihr wolltet? Sind eure Ziele klar geworden? Wurde die exemplarische Bedeutung des Falles verständlich? Und der Fall selbst – hat er auch für denjenigen Bürger Plastizität, der die Prämissen nicht kennt? Ihr redet von Widersprüchen: Sind sie behebbar? Ihr redet von Kampf – was meint Ihr damit? Ihr habt, im zweiten Beitrag dieser Direkt-Sendung, einen Film gesehen, aus dem zu lernen ist, daß euer Studenten-und-Schüler-Vokabular sich radikal von der Sprache eines Akkord-Arbeiters unterscheidet? Weshalb ist das so? Liegt es an der Perspektivelosigkeit ihrer Praxis und eurer praxisfernen Theorie? Liegt es daran, daß sie den sozialen Grundwiderspruch treffen, wenn sie von divergierenden Lohngruppen sprechen, deren Existenz die Uneinigkeit unter den Arbeitern verbürgt, während ihr die politische Manifestation des Widerspruchs erlebt und beschreibt?“

So dienlich es ist, daß die Produzenten im Fernsehen ihre Karten auf den Tisch legen: effizient wird solch ein Null-Ouvert-Spiel nur, wenn der Betrachter am Bildschirm sich in die Lage versetzt sieht, allen in die Karten zu gucken, um so nicht nur zu sehen, was einer spielt, sondern um zu begreifen, was hier gespielt wird: Das Reglement will gezeigt sein! Gelingt das nicht, dann ist Direkt nur ein Ventil für jugendliche Unbotmäßigkeit. Eine Spielwiese, deren Rasen zu betreten von der Firma Löwenthal und Co. konzediert wird. Mit Fleiß, wie man in Schwaben sagt. Momos