Stade

In Klein Fredenbeck bei Stade bei Hamburg ist die Teufelin los. Sie heißt Annegret Oellrich, ist Lehrerin, und es geht nicht so weiter mit ihr. Die 24jährige Pädagogin ist bei den Schülern der Mittelpunktschule Fredenbeck beliebt. Aber die Sympathien der Eltern ihrer Klasse 4a hat sie sich gründlich verscherzt. Die Junglehrerin ist auf einer Banane ausgerutscht.

In einer Deutschstunde spielte sie den 28 neunjährigen Jungen und Mädchen ihrer Klasse die Schallplatte „Warum ist die Banane krumm?“ vor, die ihr auf einem Fortbildungskursus empfohlen worden war. Auf der Platte lesen Autoren wie Wolf Biermann, Reinhard Lettau und Peter Bichsel eigene Texte. Als „Moderatoren“ streuen Berliner Gören, denen man den Spaß an der Sache anhört, Sprüche ein wie diesen: „Wir schlafen nicht auf Betten, wir schlafen nicht auf Stroh. Wir schlafen auf Toiletten, da beißt uns auch kein Floh.“ Zum Schluß liest Peter Rühmkorf aus seiner Sammlung nicht immer bauernstubenreine Reime. Uralte Ohrwürmer, die jeder aus seiner Kindheit kennt, wenn er nicht die ganze Jugend im Brutkasten verbracht hat – auch in Klein Fredenbeck. Nur eben mit dem Unterschied, daß man sie auf der Straße aufschnappt (das ist normal) und nicht in der Schule (das ist zotig).

„Erschütterte Kinder“

Einem Kind war die von Rühmkorf gesprochene Vierzeilergeschichte von der knapp zwei Sekunden dauernden Zeugung des kleinen Klaus besonders nachhaltig ins Ohr gegangen. Es fragte daheim, ob das denn ekelhaft sei, „was Mann und Papi machen“. Ekelhaft ist so leicht nichts in Klein Fredenbeck – höchstens eine Lehrerin, die im Unterricht mal eine andere Platte auflegt.

Einige wachsame Bürger, darauf bedacht, aus Klein Fredenbeck kein Sodom machen zu lassen und schon gar kein Gomorra, riefen den Klassenelternbeiratsvorsitzenden Knut Romeyke an. Dieser, ein Arzt von 36 Jahren, diagnostizierte einen klaren Fall von Aufklärungsunterricht. Und über Aufklärungsunterricht wünschten die Eltern vorher aufgeklärt zu werden, das wußte Annegret Oellrich.

Der Vorstand des Elternbeirats der 4a trat zusammen und war sich schnell darüber einig, daß so etwas in Klein Fredenbeck nicht angeht. Die Eltern der „erschütterten Kinder“ handelten. Am nächsten Morgen in aller Frühe wurden die übrigen aufgefordert, ihre Sprößlinge für zwei Tage nicht in die Schule zu schicken. Schüler, die schon ahnungslos unterwegs waren, wurden vor dem Schultor abgefangen und mit einem aufklärenden Zettel zurückgeschickt in den Schoß der Familie. Annegret. Oellrich, die die Aufgeklärtheit der Eltern hoffnungslos überschätzt hatte, stand vor leeren Bänken.