Um es vorweg zu sagen: juristisch ist alles einwandfrei. Peter von Oertzen, Kultusminister von Niedersachsen, ist nicht gezwungen, sich an die Reihenfolge der Berufungsvorschläge zu halten, die ihm die Fakultät 5 (Staats- und Geisteswissenschaften) an der Technischen Universität Hannover für die Stelle eines wissenschaftlichen Rates und Professors (früher: Extraordinariat) für neuere und neueste Literatur gemacht hatte. Nummer eins auf der Liste war Dr. Fritz J. Raddatz gewesen, seit fünf Jahren Lehrbeauftragter an der TU Hannover, seit einem Jahr im Range eines Privatdozenten (das heißt: habilitiert). Peter von Oertzen dagegen zog Nummer zwei auf der Liste vor: die Gießener Assistenz-Professorin Gisela Bezzel-Dischner.

Pech für Raddatz? So simpel ist dieser Berufungsfall nicht. Wenn Anspruch, Leistung und wissenschaftliches Renommee bei dieser Konkurrenz die ausschlaggebende Rolle gespielt hätten, wäre die Stelle Fritz J. Raddatz sicher gewesen – wie es Fakultät und Senat gewünscht hatten. Gewollt hatte es auch Professor Hans Mayer, Germanistik-Professor an der Fakultät 5, Habilitant Raddatz gewesen ist. Aus Enttäuschung über die Ablehnung seines Schülers – er meinte, mit einer Zusage aus dem Kultusministerium rechnen zu können – warf er das Handtuch: Statt am 1. Oktober dieses Jahres ließ er sich schon jetzt emeritieren und rauschte zu Gastvorlesungen nach Chikago ab.

Für Peter von Oertzen scheint das Verhalten von Mayer ein Fall von schwerer Undankbarkeit zu sein: Der Kultusminister nimmt für sich in Anspruch, derjenige gewesen zu sein, der Hans Mayer 1963 half, der Hetzkampagne in der DDR auf einen Lehrstuhl in Hannover zu entkommen. Oertzen war damals Professor für Politologie an eben dieser Fakultät 5.

Es ist schon witzig genug, wenn ein ehemaliger Professor über seine ehemaligen Kollegen in Kategorien der Dankbarkeit urteilt. Noch ironischer wirkt, wenn eine solche vermeintliche Dankesschuld von Hans Mayer eingeklagt werden soll. Mit dem gleichen Recht könnte dieser Gelehrte behaupten, daß die Fakultät 5 überhaupt erst durch ihn ein bißchen Glanz erhalten hat. Hans Mayer ist einer der wenigen über die Grenzen der Germanistik hinaus bekannten Literaturwissenschaftler und einer der ersten Fachleute für die Literatur der Aufklärung (Lessing) und des Vormärz (Büchner). Dafür ist er auch ein Ordinarius von der schwierigsten Sorte, das heißt, er ist sein eigenes Sonnensystem, und seine Eitelkeit ist seiner Leistung ebenbürtig. Mit anderen Worten: für niedersächsische Verhältnisse war er schon immer ein Paradiesvogel.

Davon ist hier nur deshalb ausführlich die Rede, weil Raddatz, sein Schüler, einer ähnlichen Spezies angehört. Der ehemalige Cheflektor von Rowohlt ist einer der versiertesten Kenner marxistischer Literaturtheorie und der Publizistik der Weimarer Zeit (Tucholsky-Herausgeber). Auch er hat Verpflichtungen im Ausland. Seine Vorträge und Gastvorlesungen in Paris oder New York trugen aber mit dazu bei, daß er die Lehrstelle nicht erhielt. Für niedersächsische Verhältnisse ist das zu extraordinär. Ein übriges taten sein falscher Wohnsitz – er wohnt nicht in Hannover, sondern in Hamburg –, das falsche Auto – er fährt Porsche, nicht VW – und seine persönlichen Verbindungen zu den Dichtern, den Denkern und dem Jetset von heute. Gabriele Henkel ist seine Bekannte, und wenn er Witze von Hemingway erzählt, dann hat er sie noch von ihm persönlich gehört. Wenn es darauf ankommt, ist er alles, was linke Tugendbolde bei anderen geißeln: elitär, arrogant und versnobt. Als ein Mitglied des Spartakus ihm vorwarf: "Sie sind eben kein Kumpel", erwiderte er: "Nein, gewiß nicht, dieses Wort existiert nicht in meinem Vokabular." Politisch ist er für die linken Dogmatiker ein Revisionist. Sie stellen ihn in eine Reihe mit Kolakowski, Garaudy und Ernst Fischer – was Raddatz schmeichelt: Er ist nicht so unbescheiden, sich selber in diesen Rahmen einzuordnen. Was seine Qualität als Wissenschaftler angeht, so werden intelligente, anspruchsvolle Germanistik-Studenten, die mehr wollen als blasses Mittelmaß, von ihm interessiert und gut bedient.

Und die andere Seite? Die linken Studenten und Assistenten wollten Raddatz nicht. Als ihr Veto in der Fakultät keinen Erfolg hatte, wandten sie sich außerdienstlich an Peter von Oertzen: Kontakte zwischen dem Kultusminister und ehemaligen Schülern von ihm gibt es noch genug. Im Hannoveraner Kultusministerium heißt es: "Wir brauchen Leute, die Lehrer ausbilden, Leute für die Knochenarbeit. Wenn früher die Forschung den Ausschlag bei einer Berufung gab, so liegt heute der Akzent auf der Lehr-Erfahrung des Bewerbers." Gisela Bezzel-Dischner, sie war die Wahl der Assistenten, hat keine großartigen wissenschaftlichen Gutachten vorzuweisen. Sie hat, wie es heißt, eine gute Dissertation geschrieben und führt für sich ins Feld, daß sie in Frankfurt im selben Seminar wie Angela Davis saß. In einem Interview vermutete sie, daß ihre "gesellschaftspolitischen Vorstellungen bezüglich der Lehrerbildung" dem Kultusministerium "besser zu entsprechen scheinen".

Richtig, für Fritz J. Raddatz zählt nur die Qualität, und die ist seiner Meinung nach auch für Lehrer lebensnotwendig. Doch für Oertzen zählt in Sachen der Fakultät 5 nur der Ausstoß an Lehrern, und den sieht er eher bei der braven Gießener Assistentin garantiert als bei dem Paradiesvogel aus Hamburg.