Brecht-Feiern in Ost und West: zur gleichen Stunde, als im Frankfurter Schauspielhaus ein internationales Schlagerfestival zu Ehren von Bertolt Brecht stattfand, spielte das Berliner Ensemble Brechts letztes Werk, "Turandot oder der Kongreß der Weißwäscher". Vorausgegangen war auch hier am Vormittag ein Festakt, bei dem Professor Werner Mittenzwei die Festansprache hielt, die einen stark an eine gymnasiale Schulschlußfeier erinnerte: "Denn er war unser!" Für Ostberliner Verhältnisse mag eine unterschwellige Sprengkraft in Mittenzweis Ausführungen gelegen haben, als da Brechts Angriff auf das Individuum im Kapitalismus gerechtfertigt wurde mit Brechts Eintreten für das Individuum im Sozialismus. Auch war es schon spannend zu hören, wie Mittenzwei seinen Zuhörern durch die Blume Brecht-Sätze aus dem "Arbeitsjournal" applizierte, jenem Arbeitsjournal, das vom Suhrkamp Verlag zum 75. Geburtstag herausgebracht wurde und dessen Erscheinen in der DDR noch in den Sternen steht. Am Ende des Festvortrags sprach Mittenzwei vom Bleibenden, Unveränderlichen in der Veränderung: "Brecht ist zu einem Klassiker geworden, dessen Kunst nicht darauf abzielt, das einmal Gefundene zum Endgültigen zu machen. Ihm kam es darauf an, das Dauerhafte in der Veränderung zu erfassen." Hand aufs Herz: Welchen Dichter zwischen Sophokles und Goethe, zwischen Shakespeare und Brecht könnte man mit einem solchen Satz nicht abfeiern, ohne etwas Falsches und ohne also auch etwas Richtiges gesagt zu haben?

Die Feier in Ostberlin strahlte (noch im Radio) jene erhabene Weihe und Langeweile aus, zu der Kulturfeierstunden nun einmal zwangsläufig mißraten. In Frankfurt war, wie die Fernsehübertragung am nächsten Abend lehrte, alles mehr auf den Duft der großen weiten Brecht-Welt abgestellt. Man hörte und sah internationale Interpreten, die Brechts Songs als internationale Hits darboten. Und Ernst Schröder machte dazwischen Conference, in jener schwer zu ertragenden Mischung aus edler Marktschreierei (" ... und nun aus Mailand die große...") und linkem Bildungsprotzentum. Wie bei dem Dialog in Ost-Berlin, wo Mitglieder des Ensembles Brecht rezitierten und sich Ekkehard Schall als eine Art Moissi des Brecht-Stils gerierte, waren auch in Frankfurt jene inzwischen schwer zu ertragenden, weil ausgeleierten Brecht-Gesten und Gebärden zu sehen. Das trotzig vorgeschobene Kinn – als gälte es, Brechts Texte wie zum erstenmal durchzusetzen, die heftig gerollten Rs, die ein proletarisches Pathos ergeben sollen, aber nur noch Nachbeterei sind, die breitbeinige, trotzige Stellung auf der Bühne – Brust raus, Hände in die Hüften gestützt: Das alles ist ein Repertoire, mit dem eher die schier tödliche Geläufigkeit Brechts als der ursprüngliche Stachel demonstriert werden kann.

Am Abend, wie gesagt, spielte das Berliner Ensemble in einer Neuinszenierung zum erstenmal für die DDR "Turandot oder der Kongreß der Weißwäscher", Brechts Spätwerk, um den 17. Juni herum entstanden und in Zürich vor Jahren bereits in einer Benno-Besson-Inszenierung zu sehen. Die "Turandot" wirkte in ihren gelungensten Passagen wie eine giftige Satire auch auf die Festveranstaltungen in Ost und West. Denn ein bleibendes Thema von Brecht, seine Auseinandersetzung mit den scholastisch schwätzenden, eitel sich prostituierenden Intellektuellen, beherrscht diese Parabel, die in ein scheinbar märchenhaftes China verlegt ist.

Die Fabel ist schnell erzählt: Der Kaiser von China, der aus Spekulationsgründen alle Baumwolle in seinen Lagerhäusern hat verschwinden lassen, veranstaltet, um die Unruhe unter dem Volk zu besänftigen, einen Tui-Kongreß, einen Kongreß also der intellektuellen Weißwäscher, bei dem mit der Hand der Tochter, derjenige intellektuelle Schönredner belohnt werden soll, der die eingängigste Ausrede für das Verschwinden der Baumwolle findet.

In der Schilderung dieses Kongresses, in den Bildern aus der Tui-Welt, jenem Jahrmarkt aus Erbärmlichkeit, Käuflichkeit und intellektuellen Eiertänzen, erreichte die Inszenierung der jungen Ostberliner Nachwuchsregisseure Peter Kupke und Wolfgang Pintzka eine fröhliche, boshaft swiftsche Schärfe. Wenn Ekkehard Schall als Rektor der Pekinger Universität sich in seinen Ausreden verhedderte, wobei sein Körper sich auch mehr und mehr in die Rednertribüne verschlang, dann war in solchen glänzenden Szenen tatsächlich der museale Staub aus dem Theater am Schiffbauerdamm gepustet, dann erlebte man in einem Spätwerk Brechts geniale ursprüngliche Verwandtschaft mit Chaplin und Valentin, dann war der scharfsichtige Hohn auf intellektuelle Zuhälterdienste gleichzeitig ein kurzweiliges Vergnügen, frisch und naiv und doch scharfsinnig durchschauend und verfremdend.

Die würdig ausstaffierten Glatzköpfe der Tuis, die entweder wie der sehr komische, eitel schnauzbärtige Dieter. Knaup nach einer Liebesnacht mit der Prinzessin ihren Feinsinn nur mit spürbaren Ermüdungserscheinungen von sich geben können oder sich wie der kaiserliche Rektor Stefan Lisewski in rhetorischer Weitschweifigkeit verloren – diese Tuis waren das Schönste des Abends, zeigten einen vor genauem Zynismus sprühenden Brecht einen Brecht, wie er uns auch im "Arbeitsjournal" in der Schilderung Adornos, Horkheimers, Benjamins, Döblins oder Thomas Manns begegnet.

Curt Bois spielte den Kaiser von China, herrlich die Mischung aus Griesgrämigkeit und List, aus Trottelei und Behendigkeit. Wenn sein Kaiser sich in der Schwingtür verfing, wie ein böser Gnom gekränkt mit dem Fuß aufstampfte, eitel schmollte, obwohl er es doch zynisch besser wußte, dann erlebte man auch an dieser Figur, wie Brechts Theater im Märchen-Kaspar politische Erkenntnisse und Konfigurationen gleichzeitig reduzieren und erweitern kann.