Von Friedrich K. Kurylo

Köln

Des Kriegsverbrechens in Vietnam aus Profitsucht angeklagt war der US-Konzern Honeywell. Der Prozeß fand letzten Mittwoch in der evangelischen Friedenskirche in Köln-Mülheim statt. Hatte er Gottesdienstcharakter oder war er „eine rein politische Veranstaltung“? Von der Beurteilung dieser Frage durch das Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde Köln-Mitte hängt die Entscheidung ab, ob die Veranstaltungen des Kölner Arbeitskreises Politisches Nachtgebet weiterhin in der Antoniterkirche im Stadtzentrum stattfinden werden oder ob sie in eine Vorortkirche verbannt, ja vielleicht überhaupt nicht mehr in einer Kirche vielleicht den werden.

Zum Arbeitskreis Politisches Nachtgebet hatten sich im Herbst 1968 Katholiken und Protestanten in Köln zusammengefunden, die „ein religiöses Gebet ohne politische Konsequenzen eine Heuchelei“ nannten. Die Nachtbeter wollten die Konsequenzen ziehen: im Gottesdienst politisch informieren und diskutieren. Prominente Initiatoren des Politischen Nachtgebets waren die evangelische Theologin Dorothee Sölle und der Benediktinerpater Edmund Steffensky.

Kardinal Frings hielt dem Politischen Nachtgebet von Anfang an die katholischen Kirchentüren verschlossen. Er war auf neue Jesus-Worte gestoßen, in denen die Nachtgebetsleute eine „einseitige Richtung“ deutlich werden ließen: „Ich hatte Hunger: Ihr habt die Ernte meines Landes chemisch vernichtet. Ich war nackt: Ihr habt mich mit Napalm übergössen.“ „Blasphemisch“ und „eine Entwürdigung des Gotteshauses“ urteilten die katholischen Kirchenoberen.

Dessen ungeachtet überfüllten Woche fürWoche Tausende von Christenbürgern die Kirche an zunächst einem, später wegen des Andrangs an zwei Nachtgebetsabenden. Politische Nachtgebete installierten sich in anderen Städten. Audiovisuell prangerten Sprecherteams, teilweise nach Textbeiträgen von Heinrich Böll, bei Politischen Nachtgebeten Christenverstöße an: Im Strafvollzug, in der Entwicklungshilfe, in der Bodenspekulation. Mit Spruchbändern „Wo kreuzigen wir Christus“ heute?“ zog das Politische Nachtgebet durch die Stadt. Mit Heinrich Böll drangen Nachtbeter in den Kölner Dom ein.

Die hohe Zeit des Politischen Nachtgebets dauerte ein Jahr. Nach der Bildung der sozialliberalen Koalition in Bonn sanken dann die Besucherzahlen, das öffentliche Interesse ließ abrupt nach. Während draußen die Apo-Aktivitäten nachließen, verlegte sich das Politische Nachtgebet zeitweilig auf unbrisante Themen. „Aktionisten“ wendeten sich vom Nachtgebetskreis ab. Für sie bedeutete die „Nachtgebet“-Spende von 4000 Bleistiften und 500 Kugelschreibern für das an Bildungsarmut leidende Moçambique viel Lärm um nichts. „Der Reiz des Neuen“, kommentierte Berufsschulpfarrer Klaus Schmidt Ende 1970, „ist vorbei. Die neue Form und der neue Inhalt sind Gewohnheit geworden.“