Am 13. Februar ist der frühere Staatssekretär Hans Globke gestorben – zehn Jahre nachdem er, Adenauer folgend, das Burdeskanzleramt verlassen hatte. Globke hat dieses Amt so kunstvoll in das Exekutivplateau des eben gegründeten Bundes eingebaut, daß es zur eigentlichen Regierungs-Zentralbehörde wurde.

Die Reichskanzlei der Weimarer Zeit, die nicht mehr als nur ein Kabinettssekretariat war, reichte als Modell für das neue Bundeskanzleramt nicht aus. Globke führte im Bundeskanzleramt das Referentensystem ein. Jeweils ein Referent war für ein oder mehrere Ressorts zuständig, um durch ständigen Kontakt mit ihnen die Voraussetzung für Beobachtung, Anleitung und Koordinierung der Ministerien zu schaffen. Das Bundeskanzleramt sollte als Gegengewicht gegen die zentrifugalen Tendenzen der Ressorts dienen, ebenso als Leistungssekretariat des Parteiführers der CDU und in der Regierungskoordination als Verbindungsstelle zwischen den Partnern.

Globke war nicht nur der Konstrukteur des Bundeskanzleramts, als sein Chef sorgte er auch dafür, daß es sich in der politischen Auseinandersetzung behauptete und 14 Jahre als Instrument des Kanzlers funktionierte, nicht zuletzt auch durch eine überlegte Personalpolitik. Eine Berufung ins Kanzleramt wurde bald zur Auszeichnung, wie früher die in den Generalstab. Zuverlässige Bejahung der Außenpolitik Adenauers, unbedingte Loyalität und hohe administrative Befähigung waren die Voraussetzungen für eine Berufung. Beflissenheit verabscheute Globke, begründeten Widerspruch achtete er, Ergebenheit forderte er. Bewährung in dem äußerst anspruchsvollen Apparat Globkes konnte Versetzung mit Aufstieg in einem der Ministerien bedeuten. Von dem so Versetzten und Beförderten wurde erwartet, daß er ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Ministerium und dem Bundeskanzleramt schaffen würde. Globke, ein konservativer Demokrat, wollte ohne viele Worte durch eigenes Vorbild in Haltung und Handlung seine Beamten zu einer überall einsatzfähigen Elite im Regierungsdienst heranbilden.

Hans Globke selbst war korrekt und akkurat, aber ein Hang, ja eine virtuose Begabung zur verfeinerten macchiavellistischen Administration war kaum zu verkennen. Wahrscheinlich hat er durch den Bundesnachrichtendienst, der ihm unterstand, auch deutsche Politiker ohne Rücksicht, ob sie zur Regierungsseite oder zur Opposition zählten, in ihrem Privatleben beobachten lassen. Vor allem aber war er der engste Vertraute und Berater Adenauers, dessen oberster Vollzugsbeamter und Beauftragter in vielen Verhandlungen, in denen er, dank eigener Autorität, diesen zu ersetzen vermochte. Man übertreibt kaum, wenn man in Globke das alter ego seines Kanzlers, praktisch den zweiten Mann im Staate sah.

Wohl hatte er eigene politische Konzeptionen. Von ihm stammen konstruktive, aber auch verfehlte Vorschläge. Adenauer hat er in diskretem Gespräch eindringlich gemahnt und gewarnt, um manche Maßnahme hart mit ihm gerungen. Wenn sich der Kanzler entschieden hatte, führte er die Entscheidung aus, machte er das beste aus ihr, so als ob es seine eigene wäre. Gegenüber Dritten hat er Adenauers Politik nüchtern und eindeutig begründet und ihn in allem gedeckt.

Man hat Globke gern die „Graue Eminenz“ genannt, wie es Pater Joseph unter Richelieu und Baron von Holstein unter Wilhelm II. gewesen waren. Gerade das aber war Globke nicht. Politik auf eigene Faust zu treiben oder die Weisung Adenauers zu umgehen, ist ihm trotz seines mächtigen Apparates nie in den Sinn gekommen.

Einer breiteren Öffentlichkeit wäre Globke kaum bekannt geworden, hätte er nicht 1935 als Ministerialrat im Reichsinnenministerium den Kommentar zu den anti-jüdischen Nürnberger Gesetzen geschrieben. Er war selbst nicht Parteimitglied und tat es im Auftrag, um Schlimmeres zu verhüten, was später auch von jüdischer Seite anerkannt wurde. Damals hätte Globke seinen Abschied nehmen können; der Bischof von Berlin aber bedrängte ihn, als heimlicher Vertrauensmann der Kirche, in einer der für sie wichtigsten Behörden des Regimes auszuharren. Oft war nach 1949 sein Rücktritt gefordert worden, er hat ihn selber mehrfach angeboten, wenn nicht sogar erbeten. Adenauer aber verlangte, daß Globke im Amt blieb.