München

Unter der Überschrift „Eine Information für die Bevölkerung“ waren 79 Kleininserate zu einer Kollektivanzeige zusammengefaßt, die vergangene Woche in Münchner Zeitungen erschien. Ein Berufsstand, der mit einem „eindeutig zweideutigen Gewerbe verwechselt“ werde, wollte die Öffentlichkeit aufklären. „All die Masseurinnen und Masseure müssen sich einmal zu Wort melden, die nicht ‚entspannen‘, sondern heilen wollen: die Physiotherapeuten“, hieß es in dem erläuternden Text. Die dem Verband der deutschen Physiotherapeuten angeschlossenen Muskelkneter wetterten gegen den Umstand, „daß – infolge unzureichender Gesetzgebung – Prostituierte ungestraft als ‚Masseusen‘ für ihre Liebesdienste werben dürfen“ und infolgedessen seriöse Massagepraxen diskriminiert würden.

Der aktuelle Anlaß der Selbstdarstellung: In den vergangenen Wochen wurden in München zwölf Massagesalons geschlossen und fünf Inhaber solcher Unternehmen verhaftet. Anderswo würde man diese Massagesalons, von denen es in der Weltstadt mit Herz“ inzwischen etwa 200 gibt, schlicht als Bordell oder Eros-Center bezeichnen. Aber so etwas ist in der Bayern-Metropole offiziell nicht gestattet. Oberstaatsanwalt Hetzenecker erklärt den gesetzlichen Unterschied zwischen Massagesalon und Bordell so: „Die Salonbesitzer sind Unternehmer, die ‚Material‘ zur Verfügung stellen und um die Kunden werben. Dafür kassieren sie einen prozentualen Anteil der Einnahmen der Damen.“ (Hier schwanken die Angaben zwischen 50 und 95 Prozent.) „In den Bordellen hingegen werden Zimmer an die Damen vermietet, und nach dem Gesetz ist der Vermieter nicht strafbar.“

Die Münchner Dirnensituation ist reichlich verfahren. Als die Damen noch vorzugsweise auf dem Gehsteig um Kundschaft warben und die schönsten Straßen der Innenstadt abends zum Hauptumschlagplatz zu werden drohten, verfügte vor Jahren der Stadtrat einen sogenannten Sperrbezirk. Die Folge war, daß die Dirnen in dichtbesiedelten Wohngebieten ihre Stehplätze aufschlugen und nun die braven Bürger über Lärm und Belästigung klagten. Deshalb wurden die Grenzen des Sperrkreises immer weiter an den Stadtrand verlegt – bis die Damen im Stockfinstern standen und Interessenten sie nicht mehr fanden.

Daß dies ein ungesünder Zustand ist, leuchtete offensichtlich auch den Hütern des Gesetzes ein. Hinzu kam ein gewisser Sinneswandel. Mit polizeilichem Scharfsinn erkannte man, daß es besser ist, die Lauben der käuflichen Liebe genau zu kennen als sie im Untergrund blühen zu lassen. Das wiederum bestärkte so manche Dirnenmanager in der Annahme, daß sie einer stillschweigenden behördlichen Duldung sicher sein können, wenn sie ihr „Material“ in einem Etablissement zusammenfassen, das nicht unbedingt außerhalb des Sperrbezirks liegt. So schossen in jüngster Zeit die Massagesalons aus dem Boden, und unter der Rubrik „Körper- und Gesundheitspflege“ inserierten sie munter mit Telephon- oder Adressenangabe in den Boulevardzeitungen.

Indes, sehr feine Leute sind Zuhälter eben nicht, auch wenn es sich um ehemals seriöse Kosmetiker mit Diplom handelt wie bei einem Salonbesitzer, der jetzt verhaftet wurde. Zwischen den großen Saloninhabern habe sich, so sagt die Polizei, in den letzten Monaten ein krimineller Kleinkrieg mit Schüssen und Erpressungen entwickelt. Ein Polizeisprecher: „Es wäre ein unerhörtes Ansinnen, würde man uns zumunten, illegale bordellartige Unternehmen unter Polizeischutz zu stellen.“

Es traf sich „rein zufällig“, daß etwa gleichzeitig die Staatsanwaltschaft in Münchner Sexshops (es gibt 50 offizielle und etwa 150 versteckte) nach Porno-Auswüchsen („Wir haben uns nur um besonders drastische Erzeugnisse gekümmert“) recherchierte und dabei ebenfalls auf die Massagespur kam. Denn in den Salons werde nicht nur Porno-Material gehandelt, sondern auch hergestellt. Das Boulevardblatt tz über die Schließung eines Salons: „Das Handwerkszeug – vom einfachen Präservativ bis zur neunschwänzigen Peitsche für abartig veranlagte Liebessucher – wurde aus dem Verkehr gezogen.“ Ein anderer Salon, der aufflog, beschäftigte nur Ausländerinnen aus China, Spanien und Afrika. Der Staatsanwalt: „Ein Teil der Mädchen, hauptsächlich junge Gastarbeiterinnen, behaupteten uns gegenüber, daß sie in den Massagesalons zur Prostitution gezwungen worden sind.“