Luftpiraterie ist mittlerweile so alltäglich geworden, daß die Gazetten nicht betroffener Länder kaum noch ein paar Zeilen daran wenden mögen. Die stereotypen Motive der Entführer – illegale Auswanderung, Gefangenenbefreiung, Erpressung von Lösegeld – bringen den Leser ebenso zum Gähnen wie der ewig gleiche Ausgang der Geschichte: Täter bekannt und (sofern greifbar) hinter Gittern, Flugzeug wieder in der Heimat seiner rechtmäßigen Aktionäre.

Eine Unterbrechung dieser kriminellen Monotonie wird jetzt aus England gemeldet. Dort ereignete sich eine ganze Serie von Entführungen, bei denen keins der üblichen Motive im Spiele sein konnte. Die Maschinen verschwanden spurlos, und den Entführer sah auch vorher niemand. Die Polizei von Cannock steht vor einem Rätsel.

Cannock ist eine kleine Bergbaustadt am Rande des Industriegebiets um Birmingham und Wolverhampton, einer Art mittelenglischer Kohlenpott. Und wie der Ruhrkumpel seine Tauben auf die Reise schickt, so lassen auf einer Wiese bei Cannock progressivere Vogelfreunde ihre Modellflugzeuge aufsteigen: Spitzenprodukte der Do-it-yourself-Industrie, aerodynamisch ausgeklügelt wie ihre großen Vorbilder, angetrieben von winzigen, aber laut- und leistungsstarken Verbrennungsmotoren, durch Funkgeräte ferngelenkt.

Dieses Navigationssystem muß der unbekannte Täter mit einem eigenen Sender vergewaltigt haben. Er schaltete auf die entsprechende Wellenlänge und zwang die Modellflugzeuge auf einen anderen Kurs. Wohin der führte, möchte die Polizei gern wissen. Immerhin glaubt sie das Tatmotiv zu kennen: Liebe zum Modellflug und Scheu vor dem beträchtlichen Aufwand an Zeit und Geld, den der Eigenbau des hübschen Spielzeugs verlangt.

So einleuchtend das klingt – es gibt eine andere Erklärung, die sehr viel wahrscheinlicher ist. Diesem Luftpiraten geht es nicht um die Verbilligung eines Hobbys. Er handelt in akustischer Notwehr.

Wer jemals ein Modellflugzeug fliegen hörte (und wo eins fliegt, da hört es jeder – auf Kilometer im Umkreis), der wird das Geräusch ins Tonarchiv seiner Nachtmahre aufnehmen. Wenn man etwa im Traum von einer monströsen Hornisse auf dem Moped verfolgt würde – dazu paßt es besonders gut.

Gesetze, die solchen akustischen Terror schlankweg verbieten, gibt es noch nicht. Besonders die Hobbys, die mit Lärm und Luftverschmutzung verbunden sind, setzen ja den Ge- und Verbrauch teurer Industrieprodukte voraus. Qualität des Lebens contra Quantität des Konsums – da wird erst noch eine neue Generation von Rallyefans auf Schneemobilen durch den Winterwald donnern müssen, bevor die Legislative auch nur das relativ simple Teilproblem der umweltfeindlichen Freizeitgeräte angehen wird.