Siegen Interessen über Ideologien in Asien?

Von Marion Gräfin Dönhoff

Zwischen Henry Kissingers erster, damals noch geheimer Reise nach Peking im Sommer 1971 und den Verhandlungen, von denen er in dieser Woche zurückkehrte, liegen nur etwas mehr als eineinhalb Jahre – aber die Veränderungen, die in dieser Zeit auf der politischen Bühne Asiens-stattgefunden haben, sind säkularen Ausmaßes.

  • Nach 22 Jahren verbitterten Schweigens und beleidigten Wegsehens haben Amerikaner und Chinesen wieder Verbindung zueinander aufgenommen und verhandeln ruhig, vernünftig, sogar freundschaftlich miteinander.
  • Dadurch haben sich auch die Kontakte Washingtons zu Moskau verändert. Aus der jahrelangen Konfrontation ist eine mindestens partielle Kooperation geworden: das erste SALT-Abkommen auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle und vielfältige wirtschaftliche Vereinbarungen bezeugen dies.
  • In Vietnam konnte ein Waffenstillstand vereinbart werden.
  • Die Beziehungen zwischen Tokio und Peking normalisieren sich, ohne daß Tokio hätte einen spektakulären Kotau machen oder Reparationen zahlen müssen.
  • Zwischen Nord- und Südkorea wird verhandelt – nicht nur auf der Ebene des Roten Kreuzes, sondern auch zwischen den Regierungen.
  • Washington hat die Atomwaffen von Okinawa abgezogen.

Für neunzehn Monate ist dies eine beachtliche Leistung. Die ganze Kettenreaktion von Veränderungen ist im Grunde durch ein einziges Ereignis ausgelöst worden: durch Nixons Besuch in Peking, zu dessen Vorbereitung Henry Kissinger am 15. Juli 1971 heimlich nach China geflogen war. Jener Entschluß wiederum beruhte auf der simplen Erkenntnis, daß Amerika und China gemeinsame Interessen haben. Beiden ist die wachsende sowjetische Militärmacht ein Dorn im Auge. China, weil an seiner Grenze während der letzten Jahre eine Million russischer Soldaten aufmarschiert sind; die Vereinigten Staaten, weil die Sowjetunion sie zwingt, den Rüstungswettlauf immer weiter zu treiben. Für die Amerikaner war es überdies ein beunruhigendes Zeichen unerwarteter sowjetischer Leistungsfähigkeit, daß die Sowjetunion in knapp zehn Jahren eine riesige moderne Seestreitmacht aufbauen konnte.

John Kenneth Galbraith exemplifiziert in seinem Standardwerk „Die moderne Industriegesellschaft“ an dem Beispiel der spanischen Armada, wie sehr die komplizierte Technologie unserer Tage die Produktionszeiten verlängert hat. Er schreibt: „Als sich Philipp II. Ende März 1587 zur Eroberung Englands entschloß, machte er sich keine übertriebenen Sorgen wegen des scheinbar größten Hindernisses, daß nämlich Spanien keine Kriegsflotte besaß. In dem erst kurz zuvor dem Reich angeschlossenen Portugal waren schließlich einige Kriegsschiffe vorhanden, und Philipp war überzeugt, daß für sein Vorhaben auch Handelsschiffe genügten. Mit anderen Worten, damals konnte man eine Kriegsflotte auf dem offenen Markt beschaffen. Und so stach denn schon ein Jahr später am 18. März 1588 die Armada mit 130 Schiffen in See.“

Schock für Amerika