Augsburg

Am 24. Februar würdigte die Stadt Augsburg mit einem glanzvollen Festprogramm ihren großen Sohn anläßlich seines 400. Geburtstages, den Baumeister Elias Holl.

Genau zwei Wochen zuvor hatte sie einen jüngeren Sproß zu feiern, dem sie einen schlichten Ehrenkranz zum 75. Geburtstag flocht. Bertolt Brecht bekam dazu noch eine Rede des Oberbürgermeisters und den Besuch etlicher Repräsentanten aus Kommunalpolitik und Kultur. Der bescheidene Akt fand auf der Gasse statt, vor dem Geburtshaus des Dichters Am Rain 7, und die Stadtväter plädierten dabei für „ein ehrliches Verhältnis zwischen der Stadt und B. B.“. Allerdings blieb ungesagt, daß es noch kurz vor diesem Ehrentag wieder einmal Querelen um den in Augsburg immer noch Bürger-erschreckenden Dichter gegeben hatte. Die Stadt verweigerte nämlich dem „Berliner Ensemble“, das am 27. Februar den Brecht-Geburtstag in Augsburg nachfeiern will, das Gastrecht im Stadttheater.

Die Ehre, daß die Aufführung von „Die Gewehre der Frau Carrar“ 1973 einziges Gastspiel des Ensembles in der Bundesrepublik ist, schlugen die Kommunalpolitiker in den Wind. Denn mit den Schauspielern aus Ostberlin kommt die Spitze der Deutschen Kommunistischen Partei (mit Zusatzprogramm). Das politische Festspiel wird nun in der Kongreßhalle steigen. Die Theaterabonnenten, die seit 1957 ziemlich regelmäßig mit Brecht-Stücken bedient werden, hatten sowieso ihren Gala-Abend mit der „Dreigroschenoper“, aufgeführt vom Zürcher Schauspielhaus, bereits hinter sich.

Die Entscheidung der Stadtväter. bewies in aller Deutlichkeit, wie sorgfältig heute der Politiker und der Dichter Brecht in seiner Geburtsstadt voneinander getrennt werden. Allein auf dieser Basis sind die offiziellen Kreise bereit, den jahrelang verstoßenen Sohn wenigstens zur Hälfte wieder heimzuholen.

Herausgefordert durch Privatinitiativen rang sich die Stadt in den sechziger Jahren dazu durch, die zwei Häuser, in denen Bert Brecht geboren wurde und aufwuchs, mit Gedenktafeln zu versehen. Außer der von Fremdenführern heruntergeraspelten Aufzählung aller großen Augsburger Söhne und einigen Anmerkungen im Reiseprospekt entdeckt der Besucher nichts, um auf des Dichters Spuren zu wandeln. Auch das gute Dutzend Zeitgenossen, das über Brecht noch etwas aussagen könnte, ist recht zugeknöpft, besonders Freundin „Bie“, die ob ihrer Liaison mit dem mißratenen Bürgersohn insgeheim immer noch zu erröten scheint.

Dieses verschämt-empörte „Was sollen denn die anderen Leute denken?!“ wurzelt tief im Herzen der Stadt am Lech. So scheiterten alle Versuche einzelner Brechtverehrer, bei der Benennung von Brücken, Schulen, Baugebieten und Kulturhalle den Namen ihres Idols anzubringen.