Von Nina Grunenberg

Hamburg, im Februar

Die Verteidiger von law and order müßten eigentlich entzückt sein über die Spartakisten. Ordentlicher als bei dem marxistischen Studentenbund, der in dieser Woche in Hamburg seinen zweiten Bundeskongreß abhielt, kann es nirgendwo zugehen. Das begann mit den Ausweiskontrollen auf jedem Stockwerk des Curio-Hauses, in dem getagt wurde; das setzte sich fort im Plenarsaal, in dem die 486 Delegierten aus achtzig Hochschulen der Bundesrepublik eng wie in einer Sardinenbüchse saßen und diszipliniert wie brave Klosterschüler den Rednern lauschten; und das endete für den Vermieter, das Hamburger Studentenwerk, mit der Gewißheit, daß die Spartakisten die Tagungsräume in tadelloser Ordnung zurücklassen würden, weil ihnen bedeutet worden war, daß die "arbeitende Klasse" das erwartet. Nichts geht ihnen über die Solidarität mit dieser Klasse.

Klar und ordentlich ist auch das Weltbild, zu dem sich die Delegierten bekannten: Oben die herrschende Klasse, unten die Klasse der Arbeiter und Studenten, rechts die Reaktion (alle Parteien außer der DKP) und links der Sumpf der Sektierer (alle Marxisten, die nicht auf Moskau-Kurs sind, vor allem die Maoisten, in den Hochschulen auch als "Chaoten" bekannt). Geklatscht wurde meist im Rhythmus – dabei will es der Brauch, daß der Redner ebenfalls klatscht. Wichtigen Parolen wird stehend Beifall gespendet, desgleichen wichtigen Personen, so zum Beispiel dem Vertreter des Studentenrates der Sowjetunion, der den deutschen Genossen solidarische Grüße überbrachte. Für ihn wurde zusätzlich noch drushba skandiert, und der Erste Vorsitzende der Spartakisten, Christoph Strawe, schwor, "durch keine Irritationsversuche der Reaktion" wollten sich die Genossen von ihrer Verbundenheit mit den russischen Komsomolzen abbringen lassen: "Es lebe der proletarische Internationalismus

Irgendeine. Losung folgt nach jeder Ansprache, zum Beispiel: "Kämpfen wir für die Interessen der Studenten und für die Arbeiterklasse!" – "Machen wir den Spartakus, stark!" – "Für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Abrüstung!" – "Das ist", so nannte ein Beobachter das Ritual, "die in Reih und Glied erstarrte Dynamik der Jugend."

Sie haben keinen Charme, sie machen keinen Spaß. An den Hochschulen aber sind die Spartakisten, kaum zwei Jahre nach Gründung ihres Bundes, ein beachtlicher politischer Faktor geworden. Ihrer Größenordnung nach – die Mitgliederzahl wird jetzt mit 3000 angegeben – rangieren sie etwa an fünfter Stelle in der Reihe der Studentenverbände – nach der SHB-Mehrheitsfraktion, die zur Zeit immer noch die stärkste Fraktion in vielen Allgemeinen Studentenausschüssen (AStAs) bildet, nach den rechten Studentengruppierungen (vor allem RCDS), nach den früheren Roten Zellen und versprengten Resten des alten SDS und noch nach der sozialistischen Fraktion des alten SHB.

Doch ihr faktisches Gewicht ist stärker. Neben der SHB-Mehrheitsfraktion sind sie heute der wichtigste Studentenverband. In den Allgemeinen Studentenausschüssen, die SHB und Spartakus auf Grund ihrer offiziellen Bündnispolitik gemeinsam tragen, das sind inzwischen an die 40 AStAs dominiert in der Regel der Spartakus. Das ist deutlich auch an der Politik des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) abzulesen, in dessen Vorstand der Spartakus ebenfalls mehr "Anteile" hält, als ihm reell zustehen würden.