So haben sich viele Berliner die Normalisierung nicht vorgestellt. Die Bundesregierung hat beschlossen, vom 1. Juli an die Visa-Gebühren von Westberlinern, die nach Ostberlin oder in die DDR fahren, nicht mehr zu bezahlen. Der Regierende Berliner Bürgermeister Schütz tadelte Bonn denn auch hart und sprach von einer „politisch unklugen“ Entscheidung. Grund zum Ärger hatte er gewiß: Er war von den Bonnern nicht rechtzeitig konsultiert worden.

Die Bundesregierung will eine einheitliche Regelung. Künftig sollen alle DDR-Besucher (mit Ausnahme der Transit-Reisenden) ihre Gebühren selber bezahlen. Dieser Grundsatzbeschluß soll verhindern, daß der Bund, wenn es zum kleinen Grenzverkehr kommt, kräftig zur Kasse gebeten wird. Das Berliner Privileg wird dem Gleichheitsgrundsatz geopfert, die Bürger Berlins werden behandelt wie Einwohner jedes anderen Bundeslandes. Regierungssprecher von Wechmar erläuterte, die Bundesregierung habe zwar den Westberlinern durch ihre Politik die Chance zu Besuchen eröffnet, diese Begegnungen jedoch nicht finanzieren wollen, jedenfalls nicht auf Dauer.

Es ist verständlich, daß die Bonner Parteien sich nur ungern mit dieser Politik abfinden wollen. Finanzielle Knausrigkeit paßt ihrer Meinung nach schlecht zu dem erklärten Ziel der menschlichen Erleichterungen. Unverständlich aber ist die Haltung des Berliner Senats. Er hat eben den Landeszuschuß für Rentner aus der DDR gestrichen. Wer ausgerechnet an ihnen sparen will, hat kein Recht, für Westberliner die Hilfe des Bundes zu fordern. -el