Eine Zürcher Ausstellung und „militärische Pflichtverletzung“

Von Klaus Thiele-Dohrmann

Ein tonnenschwerer roter Plastikapfel, von einem dicklichen Pfeil durchbohrt, schaukelt seit Tagen auf den Wellen der Limmat. Das fest verankerte Kunststück, ein Werk des Schweizer Plastikers Peter Travaglini, weist auf eine ungewöhnliche Ausstellung hin, die in diesen Tagen im Zürcher „Helmhaus“, dem baugeschichtlichen Archiv der Stadt, eröffnet wird. Bis zum 25. März werden in dem klassizistischen Gebäude Arbeiten von achtzig Schweizer Malern und Bildhauern zu sehen sein. Titel der Ausstellung: „Tell 73.“

Die Anregung zu diesem Unternehmen – das im Laufe des Jahres auch noch in Basel, Lugano, Bern und Lausanne gezeigt werden soll – stammt von drei jungen Kunstfreunden aus Bern (Urs Dickerhof, Maler), Basel (Pierre Gürtler, Galerist) und Zürich (Peter. Killer, Redakteur der Zeitschrift „DU“), die im Frühling des vergangenen Jahres bei der Zigarettenfirma Philip Morris in Lausanne ihren Plan einer Wanderausstellung vortrugen. Die Firmendirektion, die bereits internationale Avantgarde-Kollektionen wie etwa die Ausstellung „When attitudes become form“ finanziell unterstützt hatte, erklärte sich bereit, nun auch für die Breitenwirkung der Schweizer Kunst etwas zu tun.

Etwa hundert Schweizer Künstler wurden daraufhin gebeten, zu dem recht vieldeutigen Thema „Tell 73“ einen Beitrag zu liefern. Neben Prominenten wurden auch weniger Bekannte, neben Progressiven auch traditionell Arbeitende eingeladen, Entwürfe für diese Ausstellung nach Lausanne zu senden. „Teil 73“, so hieß es, sollte in erster Linie Kunstausstellung und erst in zweiter Linie eine Teil-Ausstellung sein. Den gemeinsamen Nenner „Teil 73“ habe man gewählt, weil eine „nach ganzheitlichem Prinzip“ geordnete Ausstellung mehr Interesse beim Publikum finde und den Zugang zu den einzelnen Werken erleichtere. Mit „Teil 73“ wolle man „den Urner Schützen weder von seinem Sockel reißen noch ihn erneut glorifizieren. Wir nehmen Teil als Selbstverständlichkeit, dessen historische Umstrittenheit uninteressant wird, wenn man seine enorme Gegenwärtigkeit vor Augen hat“.

In den kommenden Wochen wird nun die Gegenwart des Prinzips Teil im Zürcher Helmhaus visuell, akustisch und optisch demonstriert. Ein eiserner „Tell-Flipper“, von Bernhard Luginbühl in Form einer Armbrust entworfen, lädt zum Schießen ein. Dem Künstlerpaar Lis Kocher und Dieter Seibt geht es bei ihrem „Tellschen Wurfspiel für zwei Akteure“ um den „Nachvollzug des artistischen Akts, wie ihn der Apfelschuß darstellt“: Geschützt durch eine PVC-Haube, kann ein Besucher, über dessen Kopf ein Apfel hängt, das „optisch-sinnliche Moment des Getroffenseins gefahrlos erleben“ und sich mit dem Teilknaben identifizieren, wenn ein zweiter Besucher in der Rolle des Wilhelm Teil mit einem Wurfpfeil den Apfel zu treffen versucht.

Neben witzig-ironischen Darstellungen des Sagenhelden zeigt die Ausstellung freilich auch eine Anzahl ernsthafter formaler Versuche, das Teil-Phänomen zu gestalten. Noch sind allerdings nicht alle Exponate im Helmhaus eingetroffen, auf den Beitrag von Jean Tinguely zum Beispiel wartet man noch. Aber schon jetzt läßt sich unschwer erkennen, daß, spätestens nach Max Frischs Entmythisierung der Teil-Figur, nicht nur Schweizer Literaten, sondern auch bildende Künstler der Wirkung des vaterländischen Sagenhelden eher skeptisch gegenüberstehen. Eine Gemeinschaftsarbeit des konstruktiven Malers Ursus Winiger und des Schriftstellers Beat Brechbühl deutet es an. Unter einer Armbrust stehen die einfachen Sätze geschrieben: „tell: er war nie da. er ging nie weg. aber seine Wirkung war verheerend; alle kinder lernen schiessen.“