In den neuen historischen Werken über die Reformbewegung in der Tschechoslowakei, die auf dieser Seite angezeigt werden, wird der Beginn des sogenannten „Prager Frühlings“ verschieden angesetzt: Galia Golan begrenzt die Bewegung auf die Jahre 1962/68, geht aber in der Einleitung bis 1956 zurück, dem Jahr des XX. Parteitages der Kommunistischen Partei der UdSSR, auf. dem Stalin von Chruschtschow vom Sockel des Personenkults gestürzt wurde. Kusin legt die Vorgeschichte auf den Zeitraum 1956/67, Hejzlar läßt die Entwicklung erst 1963/64 beginnen. Meiner Meinung nach muß man jedoch die Wurzeln des Prager Januars 1968 im Februar 1948 suchen.

In dieser Woche begeht man in der Tschechoslowakei groß den fünfundzwanzigsten Jahrestag des „Siegreichen Februars“, also jenes Monats, in dem die Kommunisten in der ČSSR die ganze Macht übernahmen. Grund zum Feiern ist nicht nur die verständliche Freude der Herrscher eines totalitären Regimes, die fünfundzwanzig Jahre überstanden haben, ohne von den eigenen Parteifreunden aufgehängt zu werden; sie wollen auch das Bild der treuen Massen von 1948 dem Bild der „verwirrten Massen aus dem Krisenjahr 1968“ gegenüberstellen. Betrachtet man aber die Sache genauer, so werden eben damit nachträglich auch die Reformer von 1968 gefeiert.

Die Partei im Jahre 1948 hatte viel mit der von 1968 gemeinsam, aber sehr wenig mit der heutigen. Der Februar 1948 war eine Voraussetzung für den Januar 1968, und nicht nur in dem Sinne, wie eine Eheschließung die unentbehrliche Voraussetzung einer späteren Scheidung ist. Der Historiker Kusin. weist in seinem neuen Buch nach, daß die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei – im Unterschied zu den meisten osteuropäischen kommunistischen Parteien – eine Massenpartei war, noch dazu mit der Tradition der Legalität. Sie stützte sich auf eine entwickelte, selbstbewußte Arbeiterklasse und auf viele Intellektuelle. Anders als in den Nachbarstaaten wurde der Sozialismus in der Tschechoslowakei nicht nur durch die Kraft der sowjetischen Armee durchgesetzt. Eben weil schon damals aufrichtige Anhänger des Sozialismus vorhanden waren, könnte auch die spätere Reformbewegung entstehen.

Freilich: Sie wollten den Sozialismus – und halfen der Partei, die uneingeschränkte, Macht zu. erreichen, also „eine Form des spezifischen Weges zum Sozialismus’, für den der neue, aus der antifaschistischen Revolution historisch entstandene gesellschaftliche Block Voraussetzungen geschaffen hat“ (Hejzlar), totzuschlagen. Kusin fragt, warum „die Enthusiasten, die Anhänger der Politik des nationalen und demokratischen Sozialismus nicht bemerkt haben, daß der Griff nach der Macht alles zerstörte, an was sie glaubten“.

Die Antwort auf diese Frage müßte lang sein. Die meisten waren jung und politisch unerfahren, wie heutzutage die jungen Leute im Westen, die glauben, Revoluzzer zu sein; sie waren eben erst von der Nazi-Sklaverei befreit worden, träumten von sozialer und internationaler Gerechtigkeit und ließen sich überzeugen, daß um dieses Zieles willen jede Taktik recht sei.

Für jede Parteibürokratie, die unumschränkt Macht ausüben will, sind redliche, politisch motivierte Parteimitglieder, die an die Reinheit der Lehre glauben, eine Gefahr. Sie muß sich ihrer entledigen, muß sie physisch oder zumindest politisch vernichten. Hitler hat so nach der Machtergreifung gehandelt, Stalin bei den Säuberungen in den dreißiger Jahren. In der Tschechoslowakei aber wurde das Werk der Liquidierung von Sozialisten unter den Regimes Gottwald und Novotny nicht konsequent durchgehalten. Deshalb konnten die Überlebenden dann versuchen – im Jahre 1968 – doch noch den wahren Sozialismus in ihrem Lande einzuführen.

Die sogenannte Reformbewegung war nicht auf eine Generation beschränkt, auch keineswegs nur auf die Intellektuellen, die sich zu ihren Sprechern aufschwangen, und auch nicht nur auf Anhänger des Sozialismus. Das Hauptkader jedoch stellte die Generation der jungen Kommunisten aus dem Jahre 1948. Es ist kein Zufall, daß zum Beispiel alle Autoren des unten angezeigten Sammelbandes „Systemveränderungen“ in den zwanziger Jahren geboren sind (nur Ota Šik ist Jahrgang 1919).

Das „Versäumte“ ist inzwischen von der Parteiführung nach dem August 1968 nachgeholt worden – die Anhänger des Sozialismus wurden aus der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei vertrieben. Die Herren in Prag können ruhig feiern.