Von Martin Gregor-Dellin

Wenn der Begriff des Vermessenen einen elementaren Widerspruch enthält, so besteht er in dem Wortsinn des Ausgemessenen und des Maßlosen, des Berechneten und des Unberechenbaren. An den Grenzen des Vermessenen beginnt die Unmenschlichkeit: die Bürokratie und der Übermut, das Seelenlose und die Willkür des Irrationalen.

Über beide Enden der Skala reflektiert ein noch zu wenig bekannter österreichischer Autor; die Vermessung und die Maßlosigkeit sind zugleich Gegenstand seines kritischen Ermessens, und ebenso könnte an diesem Beispiel die Art seines Reflektierens in Satz und Gegensatz gefaßt werden. Denn er liebt nicht die langen Deduktionen, sondern die Zuspitzung. Seine Denkmodelle reißen Spannungen auf, der „Raum, den sie frei lassen, ist zugleich größer als der, den sie einnehmen daher ist der Band, der die einfachen Überlegungen zu komplizierten Gegenständen und Sachlagen zusammenfaßt, von relativ geringem Umfang –

Gerhard Amanshauser: „Satz und Gegensatz“, Essays; Residenz-Verlag, Salzburg; 112 S., 9,80 DM.

Gerhard Amanshauser, 1928 geboren, hat bisher Erzählungen geschrieben, einen Beitrag zu der ungewöhnlichen Anthologie „Der gewöhnlich; Schrecken“ und kurze Prosa, deren Titel („Aus dem Leben der Quaden“ oder „Das Umfallen der Kegel von einer bäuerlichen Kegelbahn“) anzeigen, daß er die Dimension des Phantastischen und Spielerischen kennt.

In diesem Sinn sind auch seine Essays spielerisch angelegt, von phantastischen Einfällen gefüllt, das Gegenteil moralisierender Betrachtungen, auch wenn sie sich mit Umwelt, Armut und Reichtum, Erfolg und Mißerfolg, Tugend und Laster oder ganz einfach mit dialektischer Philosophie beschäftigen, soweit dergleichen ganz einfach zu nennen ist.

Amanshauser hat Hegel gelesen, aber auch Adorno, Benjamin, Sartre, Wittgenstein, Engels und Adam Müller, doch hat das nur am Rande Bedeutung, da sich seine Sätze schwerelos nach Neigung entwickeln und er jeder Festlegung auf eine Theorie aus dem Wege geht. Sein genußreiches Philosophieren kreist um so heterogene Fragen wie die Verwechslung von Materie und Material in dem christlichen Gebotssatz „Machet die Erde euch Untertan“, der durch Umweltschutz nicht abgesichert war und die Rückmeldung der Materie nicht einschloß, wie andrerseits um die problematische Säkularisierung des Mysteriums, durch die das Leben an Phantasie und die Kunst an Funktion verloren hat, so daß sich das allgemeine Bedürfnis nach Geheimnis und Bedeutung in den Zauber des Verbrechens verrennt.