Von Golo Mann

In Kalifornien, 1940 bis zu der Zeit, in der Brecht den Platz verließ, waren Heinrich Mann und Bertolt Brecht ungefähr befreundet und sahen sich ab und an. Thomas Mann und Brecht waren nicht befreundet und sahen sich nur selten. Thomas Mann hatte für Brecht geringes Interesse, geringe Sympathie; er kannte sein Werk gar nicht. Hätte er Gelegenheit gehabt oder genommen, eine Ballade wie die „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking“, ein Stück wie „Der gute Mensch von Sezuan“ zu studieren, so wäre er zweifellos davon entzückt gewesen, so viel verstand er immerhin; aber er kam nie dazu.

War der Dramatiker dem Romancier uninteressant, so war der Romancier dem Dramatiker ein Gegenstand blinden Hasses, wie aus seinen eben erschienenen „Werktagebüchern“ eindeutig hervorgeht. Ich weiß nicht, warum das so war, aber es war so. Er nennt ihn „das Reptil“ (9. 9. 43). Er notiert, die Deutschen müßten sich nicht nur für den Nationalsozialismus, sondern auch dafür rechtfertigen, daß sie die Romane des Herrn Mann geduldet hätten, „die letzteren ohne 20-30 SS-Divisionen über sich“ (2. 8. 43). Aus solchem Haß allein sind die halluzinativen Verleumdungen Thomas Manns zu erklären, von denen es in Brechts kalifornischen Tagebüchern wimmelt wie von Würmern nach dem Regen.

Heinrich und Thomas Mann waren Freunde, obgleich ihr Verhältnis immer ein ganz klein wenig belastet blieb durch frühe, längst überwundene, und doch nicht bis zur letzten alten Spur überwundene Spannungen. In Kalifornien sahen sie sich öfter und regelmäßiger als je seit der Münchner Zeit. Die Pflege ihrer guten Nachbarschaft wurde erschwert durch den Charakter von Frau Nelly Mann, über den ich hier einiges sagen muß, was nur noch wenigen lebenden Zeugen bekannt ist.

Gern tue ich das nicht. Es sind intrafamiliäre, melancholische Geschichten. Deren Unkenntnis hat sich in der Germanistik jedoch stark zu ungunsten Thomas Manns ausgewirkt, zum Beispiel in der Besprechung des HM-TM-Briefwechsels, die Professor Hans Mayer in der ZEIT hat erscheinen lassen. Also muß, wohl oder übel, das Porträt der unglücklichen Frau einmal wenigstens flüchtig skizziert werden.

Heinrich Manns zweite Gattin war nicht ohne Charme, nicht ohne Güte. Daß sie keine Bildung besaß, wäre kein Vorwurf, heute am wenigsten. Aber mit der Balance ihres Geistes stand es schlimm, schon anfangs, und in Kalifornien zusehends schlimmer; zum Schluß war sie nahezu geisteskrank. Daß sie „trank“, notiert auch Brecht (11. 11. 43), aber das war bei weitem nicht das Ärgste. Sie war völlig unfähig geworden, einen Haushalt zu führen. Sie kaufte Autos auf Abzahlung, verkaufte sie wieder, ehe sie abgezahlt waren und häufte Schulden auf. Sie verursachte Verkehrsunfälle – „drunken driving“ –, entzog sich drohenden Strafprozessen durch Überdosen von Schlafmitteln, Selbstmordversuche, von denen man nicht sagen kann, wie ernsthaft sie waren. Sie phantasierte das Schwarze vom Himmel herunter. Sie machte Szenen, wie sie aus Heinrich Manns düstersten Romanen stammen könnten.

Der verstorbene Ludwig Marcuse erzählte mir: Er war zusammen mit einigen anderen bei Heinrich Mann zum Abendessen eingeladen. (Das vermochte der, nach Brecht, von seinem Bruder zum Hungertode Verurteilte immerhin.) Frau Nelly öffnete ihren Gästen die Tür splitternackt. Beim Essen heulte sie mehrfach auf: „Ich hab’ ja so ’nen alten Mann!..“, so lange, bis ihr Gatte das Zimmer verließ und die Gesellschaft, schwer betreten, sich auflöste ...