Von Jost Nolte

Er sei „eingesperrt in dieses land“, das er wieder und wieder wählen würde, vermerkte der DDR-Bürger Reiner Kunze 1965 in einem Gedicht. Ein Jahr später tadelte er den Unverstand der SED-Kulturhüter, die das sozialistische „bier dieses biermann“ nicht trinken wollten. 1966 erbot er sich auch, in Vietnam Worte gegen Bomber zu schicken und Bomben mit Worten aufzufangen, nur trügen seine Worte Handschellen. Nach der „rückkehr aus prag“ notierte er im Frühjahr 1968: „Eine lehre liegt mir auf der zunge, doch / zwischen den zähnen sucht der zoll.“

Reiner Kunze nahm unverhohlen Partei, aber er agitierte nicht. Er blieb auf seinen „sensiblen wegen“ (so der Titel seines Gedichtbandes, der 1969 bei Rowohlt erschien). Daß ihn diese Wege zu einem „fatalen lyrischen Ort zwischen Innenschau und Antikommunismus“ geführt hätten, wie es dann im Mai 1969 beim sechsten DDR-Schriftstellerkongreß hieß, war barer Unsinn. Die Lehre, die Kunze auf der Zunge hatte, war der „Sozialismus mit dem menschlichen Gesicht“, mit dem seine Freunde in der ČSSR ernst machen wollten, und seine Sensibilität gründete sich auf den Vorsatz, nichts fraglos hinzunehmen.

Der Traum vom anderen Sozialismus, wir wissen es, ist mit ein paar Daten aus dem politischen Vordergrund nicht ausgestanden. In der ČSSR vergelten die „alten Kräfte“ den Revisionisten tagtäglich den Tort von 1968. In der DDR wachen die Regierenden um so eifersüchtiger über die Parteilinie, je mehr sie außenpolitisch riskieren. Ludvík Vaculíks Hoffnung, „daß sie sich auf ihrem Platz, zum Teufel, endlich behaglich fühlen“, auf daß sie den Regierenden mehr Spielraum gönnen – diese Hoffnung wird sich auch im andern deutschen Staat fürs erste nicht erfüllen.

Reiner Kunze hat, wie wenige andere DDR-Bürger, mit den Prager Revisionisten gemeinsame Sache gemacht. Doch anders als Wolf Biermann mit seinen rigorosen Liedern hat er nie Lärm geschlagen. Er sieht scharf hin und schreibt leise Gedichte. In seinem neuen Versband

Reiner Kunze: „Zimmerlautstärke“, Gedichte; Reihe Fischer, S. Fischer Verlag, Frankfurt; 69 S., 6,– DM

hat er an Zitate von Alexander und Margarete Mitscherlich, Max Frisch und Heinrich Böll einige Zeilen darüber geknüpft, was er unter Versen versteht. Er nennt das Gedicht einen Stabilisator oder Orientierungspunkt eines Ichs; es diene dazu, Freiheitsgrade nach innen und außen zu gewinnen. Im Gedicht, heißt es weiter, solle die „innere entfernung“ auf ein Nichts zusammenschrumpfen; die Erde solle „um die Winzigkeit dieser Annäherung“ bewohnbar werden.