Warum in Dortmund immer wieder wilde Streiks ausbrechen

Von Heinz-Günter Kemmer

Der Borsigplatz im Norden Dortmunds hat schon oft Schlagzeilen gemacht. „Die „Männer vom Borsigplatz“ sind die Spieler der einst so erfolgreichen und heute zur Zweitklassigkeit verurteilten „Borussia“, deren Fans es sich früher nach großen Siegen ihrer Elf nicht nehmen ließen, die Kantsteine in den Vereinsfarben schwarz und gelb zu streichen.

Rund um diesen Borsigplatz lebt fast alles für Borussia. Und fast alle leben von Hoesch. Wenige hundert Meter von diesem Platz entfernt öffnet sich bei Schichtbeginn das Haupttor der Westfalenhütte – eines von den drei Hüttenwerken, die die Hoesch AG in Dortmund betreibt.

Von diesem Platz ging nicht nur der Siegeszug der „Borussia“ aus, sondern auch der Siegeszug der Lohnsteigerungen in der Bundesrepublik. Als die Hoesch-Arbeiter im Herbst 1969 auf die Straße gingen und mehr Lohn forderten, sah es zunächst nach einem lokalen Konflikt aus. Aber daraus wurde ein Flächenbrand, der alle Widerstände gegen hohe Lohnsteigerungen beseitigte.

Der Aufstand bei Hoesch ließ nicht nur die Stahlbosse zittern, auch andere Branchen waren zu vorgezogenen Lohnerhöhungen bereit – die Arbeitgeber streckten schließlich in den Lohnrunden des Jahres 1970 die Waffen und stimmten Tarifanhebungen in einem bis dahin unbekannten Ausmaße zu. – Das Zittern beschränkte sich jedoch nicht auf die Vorstandsetagen der Industrie/auch die Gewerkschaftsbosse waren geschockt. Die „Basis“ hatte sich selbständig gemacht und in wildem Streik erstritten, was die Gewerkschaft nicht vermocht hatte.

An diesen Herbst 1969 fühlte man sich erinnert, als es vor. zwei Wochen wieder einmal am Borsigplatz brodelte. Schon kurze Zeit nach Abschluß des Tarifvertrages mit der Stahlindustrie stellten die Hoesch-Arbeiter neue Forderungen. Statt der 46 Pfennig mehr Lohn je Stunde, die ihre Gewerkschaft ausgehandelt hatte, wollten sie 60 Pfennig haben, so wie die Forderung der IG Metall ursprünglich lautete. Ein werksinterner Plan, der Unebenheiten der letzten Tarifbewegung ausbügeln sollte, fand nicht die Zustimmung der Belegschaft.