Nur eine politische Entscheidung bewahrt die Eisenbahngesellschaft vor der Stillegung

Um die Bahn unter Dampf zu halten, handelte der US-Kongreß im Eilzugtempo: Nur wenige Stunden nachdem die Beschäftigten der Penn Central, der größten amerikanischen Eisenbahngesellschaft, die Arbeit niedergelegt hatten, wurde ein Anti-Streik-Gesetz durch beide Häuser des Parlaments gepeitscht, nach San Clemente geflogen und noch in der Nacht von Präsident Nixon unterzeichnet. Es zwingt die Gewerkschaft, den Arbeitskampf für neunzig Tage zu unterbrechen. Die Regierung wird verpflichtet, innerhalb von 45 Tagen einen Plan zur Sicherung lebenswichtiger Eisenbahndienste im Nordosten der USA vorzulegen.

Damit steht sie vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe. Die Penn Central ist seit Juni 1970 pleite. Die Forderungen ihrer 26 000 Gläubiger summieren sich inzwischen auf 2,7 Milliarden Dollar (rund acht Milliarden Mark). Eine am 1. Januar fällige Lohnerhöhung für 44 000 Beschäftigte wurde auf Geheiß des Konkursrichters zunächst ausgesetzt. Selbst wenn die Regierung die Erlaubnis zur Betriebseinstellung geben würde, könnte sich die Penn Central dies finanziell kaum leisten. Die Abwicklungskosten werden auf rund 20 Millionen Dollar geschätzt, die Bahn verfügt aber kaum noch über Betriebsmittel in dieser Höhe. Gegenwärtiger Tagesverlust: rund eine Million Dollar.

Doch eine Stillegung kommt auch aus politischen Gründen nicht in Frage. Die amerikanische Stahlindustrie ist auf den Eisenbahntransport angewiesen. „Ohne die Bahn können wir die Produktion nicht länger als 96 Stunden aufrechterhalten“, erklärte ein Sprecher der Branche.

Seit dem Konkurs haben sich die vier Treuhänder der Bahn bemüht, durch den Einsatz modernerer Züge, Abbau des Personals und Stillegung unrentabler Strecken die größten Verlustquellen zu stopfen – mit wenig Erfolg. Obwohl 3000 Meilen des Streckennetzes nur Verluste bringen, wurde in den zweieinhalb Jahren seit dem Konkurs nur die Genehmigung zur Stillegung von knapp 800 Meilen erteilt. Und mit jeder Schiene, die abmontiert wird, steigt der Widerstand der Betroffenen. In Pennsylvanien reichte der Protest einiger Pilzzüchter, um die Stillegung einer unwichtigen Nebenstrecke zu verhindern. In der gleichen Zeit fuhr die Penn Central 1,4 Milliarden Dollar zusätzlicher Verluste ein.

Den meisten anderen amerikanischen Eisenbahngesellschaften geht es kaum besser. Sie haben jahrzehntelang versäumt, ihre technische Ausrüstung zu modernisieren. Die Bahnhöfe sind verwahrlost, die Gleisanlagen für hohe Geschwindigkeiten zu unsicher, die Organisation oft vorsintflutlich. So gibt es ständig Stockungen bei der Verschiffung der 19,2 Millionen Tonnen US-Weizen, die an Moskau verkauft wurden, weil die Eisenbahnen nicht pünktlich für Nachschub sorgen und auf den Verladebahnhöfen zum Teil chaotische Zustände herrschen.

Zu den wenigen Ausnahmen In der heruntergewirtschafteten Branche gehört die Chicago North Western Transportation (C & NW). Die Bahn gehört seit Juni vergangenen Jahres ihren Angestellten und Arbeitern. Als sie der vorherige Eigentümer, Ben W. Heinemann, nach einem Verlust von 14,8 Millionen Dollar 1969 an eine andere Gesellschaft verkaufen wollte, erklärten sich die Angestellten bereit, die Aktien zu übernehmen. Nach langen Verhandlungen und zähem Kampf mit den Behörden war der Handel Mitte vergangenen Jahres perfekt. Von den 14 000 Beschäftigten erklärten sich tausend zum Kauf der Aktien bereit und brachten die erforderlichen 3,6 Millionen Dollar auf. Bereits in den ersten vier Monaten nach der Übernahme konnte C & NW bei einem Umsatz von 121 Millionen Dollar einen Gewinn von 4,7 Millionen melden.