Von Götz Harbsmeier

Es ist keine Kunst, das Jesus-Buch von Augstein auseinanderzunehmen. Bei gut verteilten Rollen müssen gelernte Theologen das können. Was die kirchlich-theologische Zunft dazu zu sagen hat, ist rasch gesagt und auch schon geschehen. Wie einst gegen Rudolf Bultmann, gegen Ludwig Feuerbach und David Friedrich Strauß und endlich auch gegen Alfred Rosenberg ist nun das große Scheibenschießen gegen das glaubenzersetzende, kirchenfeindliche Jesus-Buch von Augstein von Deutschlands Kanzeln aus eröffnet. Man hat wieder einen, gegen den man predigen kann. Der Bestseller macht das Kanzel-Scheibenschießen aktuell.

Denn Augstein hat einer auf alles gefaßten und erpichten Leserschaft zweifelsfrei nachgewiesen Der Fels, auf dem die Kirche ruht, ist in Wahrheit Sand in die Augen der Gläubigen, gewiß nicht vorsätzlicher Betrug, aber doch ein historisierendes Mißverständnis mit dem Effekt eines religiös-geistigen Herrschaftssystems, das absolute Autorität in geistlichen und weltlichen Dingen beansprucht.

Das wirkt wie gute alte Aufklärung. Es löst die letzten Bande selbstverschuldeter Unmündigkeit. Es rechtfertigt den Mann der heutigen fortschrittlichen Gesellschaft in seiner Unkirchlichkeit. Es bestätigt ihn in seiner Aversion gegen das Kirchenwesen. Es liefert ihm die handfesten Gründe für den letzten Schritt aus der Kirche, zu dem es ihm bisher noch nicht gereicht hat.

Doch das Scheibenschießen vergeht einem gründlich, wenn man bedenkt, wie sehr Augstein ein Repräsentant dieser, unserer fortschrittlichen Gesellschaft ist, die ganz so empfindet, wie er es kenntnisreich, erstaunlich sachinformiert, zu artikulieren versteht. Nicht als Zielscheibe für das Sperrfeuer gegen unliebsame Kirchenkritik, sondern als enorm lehrreiche Fundgrube für das Empfinden und das potentielle Denken der Masse getaufter Menschen in unserer Gesellschaft sollte dieses Jesus-Buch gelesen werden.

Anstatt zurückzuschießen, sollte sich die Kirche lieber fragen, wie es denn möglich war, von einem so gescheiten Sprecher der großen Masse der Getauften so destruktiv verstanden zu werden. Es könnte ja sein, daß Augstein und die, für die er spricht, durchaus nicht schuld daran sind, wenn sie so vom Ursprung und vom Wesen der Kirche sprechen. Es könnte doch sein, daß sie es ist, die den welthistorischen Offenbarungspositivismus selbst gelehrt, gepredigt und praktiziert hat, der eines Tages sich als Trug erweisen mußte.

Es ist sogar mehr als bloß lehrreich, aus dem Buch von Augstein herauszuhören, wie sehr, trotz aller kirchlich-theologischen Gegenstimmen, die Vorstellung von einem christlichen Glaubenssoll auf der Basis beglaubigender historischer Fakten das weite Feld der kirchlichen Öffentlichkeitswirkung beherrscht. Je weiter einer weg ist von aller Kirche und von aller Theologie, desto penetranter der verbliebene Rest von Erinnerung an historisch unglaubwürdige Unzumutbarkeiten aus der Bibel und aus dem Katechismus, aber auch aus den kirchlichen Verlautbarungen.