Franz Josef Strauß hat innerhalb weniger Wochen seltsame Wandlungen durchgemacht. Erst verordnete er der Union in einer großen Bundestagsrede außenpolitischen Realismus, bezeichnete den Grundvertrag als unvermeidliche Folge aus den völkerrechtlich einwandfrei gültigen Verträgen von Moskau und Warschau, riet in manchen Gesprächen seinen Parteifreunden von einer Verfassungsklage ab und ließ sich gerne als Wehner der Union feiern. Dann aber schwenkte er plötzlich um, stellte sich an die Spitze derer, die den Gang nach Karlsruhe forderten, und erklärte, die Union hätte schon den Moskauer und Warschauer Vertrag ablehnen wollen (an deren Verabschiedung er damals, mindestens eine Zeitlang, aktiv mitgewirkt hat).

Warum ist Strauß umgeschwenkt? Aus Rücksicht auf die Stimmung in Teilen der Union, aus persönlicher Verärgerung über Rainer Barzel, wie viele meinen?

Herbert Wehner, der im Sommer 1960 die SPD auf die Westverträge verpflichtete, hätte sich durch solche Erwägungen gewiß nicht von seiner langfristigen strategischen Konzeption abbringen lassen. Strauß besitzt viele Eigenschaften eines großen Politikers: Mut, Kraft, die Gabe der mitleidslosen Analyse und der fesselnden Vision. Aber immer wieder verliert er die politische Linie in kleinkarierter Rechthaberei und in personalpolitischer Streitsucht. Ein Herbert Wehner ist er nicht. R. Z.