Von Helmut Schneider

Das Wort Tantra leitet sich von der Sanskritwurzel "tan" ab, das soviel wie "sich ausdehnen" bedeutet. Tantra bezeichnet also die Ausdehnung des Wissens oder das allumfassende Wissen. "Tantra ist keine Religion, es ist auch nicht einfach nur eine mystische Weltanschauung, sondern sowohl Lebenserfahrung als auch eine systematische Methode, durch die man seine inneren spirituellen Kräfte wirken lassen kann."

So lautet die fundierte, jedoch keineswegs hilfreiche Auskunft eines Fachmanns. Das Wort kommt in unserer Schulweisheit nämlich gar nicht. vor. Es klingt indisch, und das ist es auch. Tantra ist, soviel läßt sich bereits bei tastender Annäherung erkennen, das Schlüsselwort für einen Weg, das Leiden der Welt zu überwinden, der mit dem von Buddha verkündeten das Ziel, nicht aber den dorthin führenden Stufenpfad gemeinsam hat. Tantra stellt, genau genommen, Buddhas Lehre in wesentlichen Teilen auf den Kopf. Offenbar sind die Kenntnisse indischer Philosophie ergänzungsbedürftig, Zeit also, unsererseits das Wissen auch auf Tantra auszudehnen.

Gelegenheit dazu gibt eine Ausstellung im Forum für Kulturaustausch des Stuttgarter Instituts für Auslandsbeziehungen (bis zum 18. März), die ab Anfang Juni in der Berliner Akademie der Künste und anschließend noch in Zürich und Wien zu sehen sein wird. Zusammengestellt hat die Ausstellung der britische Arts Council unter dem Titel "Tantra Art" wurde sie schon in London gezeigt – in Stuttgart hat man, mit gutem Grund, wie sich erweisen wird, auf den Kunstverweis verzichtet. Der Großteil der Exponate stammt aus der Privatsammlung von Ajit Mookerjee, dem Direktor des Crafts Museum in Neu Delhi (aus seinem Katalogvorwort wurde eingangs zitiert), das Londoner Victoria & Albert Museum hat zusätzlich noch eine Reihe von Objekten nach Stuttgart ausgeliehen. Nach einem durch die Londoner Gruppierung vorgegebenen Schema übersichtlich aufgebaut, vermittelt die Ausstellung dem Besucher das notwendige Minimum an Information. Trotzdem, empfiehlt es sich, den Katalog zu kaufen, der ausgezeichneten erläuternden Textevon Philipp S. Rawson wegen.

Was also ist Tantra? Es ist, allgemein gesagt, Ausdruck einer realistischen Einstellung der Welt gegenüber. Tantra stellt sich dem leidvollen Diesseits und gewinnt aus seiner Bejahung die Mittel, sich daraus zu befreien. Hierin liegt der Gegensatz zur Lehre Buddhas: "Der Ursprung des Leidens ist die sinnliche Begierde, Oberwindung des Leidens ist die Vernichtung der sinnlichen Begierde" – nur wer diesen Rat befolgt, predigt Buddha, wird Erleuchtung erlangen. Ganz anders die Empfehlung tantrischer Texte: "Durch den Genuß aller Freuden, dem man sich, ganz wie man will, hingibt, durch solch eine Übung kann man im Nu Buddhaheit erreichen. Man gewinnt die Erleuchtung, wenn man vorher den Zustand des Wohlbefindens in Körper, Sprache und Geist erreicht. Buddhas haben die höchste Stufe der Erkenntnis dadurch erreicht, daß sie allen Begierden nachgaben."

Solche Texte wurden bislang meist philosophisch interpretiert. "Durch solch eine Übung" meint jedoch ganz konkret: durch sexuelle Praxis – die allerdings im tantrischen Sinn mehr bedeutete als körperliche Befriedigung, nämlich geistiges Vergnügen. Tantra, im Zusammenklauben der Bestandteile seines Systems wenig wählerisch (sein Aufkommen, um 500 n. Chr., fällt zusammen mit dem schwindenden Einfluß des Buddhismus in Indien), nimmt die Existenz eines kreativen weiblichen und eines befruchtenden männlichen Prinzips an, die sich unablässig vereinigen. Die Zuckungen dieses kosmischen Liebesspiels wirken auf die Welt ein. Die sexuelle Vereinigung wird so zum Gleichnis überirdischen Geschehens, das Lustgefühl gibt einen Vorgeschmack göttlicher Ekstasen. Tantra stellt sich vor, daß beide Prinzipien verschiedene Aspekte einer zweigeschlechtlichen Gottheit sind – das menschliche "Zwei-in-Einem" wird damit zum gelebten Mythos.

Das Analogiedenken führt zu einer Gleichsetzung von menschlichem und kosmischem Körper: ein intelligibles Wesen, das den Makrokosmos erkennen kann, muß seinerseits ein wesensgleicher Mikrokosmos sein. Der Mensch besitzt einen von Energieströmen durchpulsten Feinkörper, dessen Existenz und Fähigkeiten ins Bewußtsein emporgehoben werden können, der sich durch ständiges Bemühen der Struktur des kosmischen Körpers angleichen läßt. Das Ziel ist erreicht, sobald beide übereinstimmen und der Tantrist eins ist mit der Gottheit. Dies ist der Zustand, den Buddha Nirwana nennt.