Von Karl-Richard Könnecke

Es war einmal ein Land, in dessen vielen Seen viele Fische ihrer Angler harrten; ein Land, in dessen vielen Wäldern viele Pilze und viele Blaubeeren und viele Preiselbeeren auf ihre Sammler warteten; ein Land, das kein Hochhaus kannte und das seinen Besuchern außer viel klarer Luft auch reine Natur – trotz erstklassiger Verkehrsverbindungen zu Lande und zu Wasser – bot.

Ein Märchen? Was hier so beginnt; (und mit seinen Vorzügen nur grammatikalisch in die Vergangenheitsform gerückt wurde), ist weder Märchen noch Vergangenheit. Das Land gibt es; seine Seen mit Hechten, Zandern, Barschen oder Regenbogenforellen gibt es; seine Wälder mit ihren jedermann zugänglichen Schätzen; seine Natur „naturel“ gibt es. Wer mit Fähre oder Auto in der schwedischen Hafenstadt Göteborg angekommen ist, braucht nur knappe zwei Stunden auf der Europastraße 6 oder auf dem Reichsweg Nummer 45 gen Norden zu fahren ... dann ist er schon da in diesem wundersamen Land, in der Provinz Dalsland.

Was die Dalsländer einst geärgert haben muß: daß zwischen zwei so bedeutenden Kultur- und Reiselandschaften wie Bohuslän mit seinen Badeküsten im Westen und dem sagenumwobenen Värmland im Norden ihr Dalsland verkannt und nahezu vergessen lag – heute danken sie dieser Tatsache den Ruf, Schwedens geheimer Reisetip Nummer eins zu sein. Weil die mächtige Touristenindustrie zu einer Zeit, da Ballung, Gigantonomie und Highlife-Imitation die Losung waren, ihre Chancen woanders witterte, blieb Dalsland verschont.

Eilige Leute können Dalsland in höchstens zwei Tagen „machen“. Sie beginnen ihr Pensum an der größten Sehenswürdigkeit, dem Aquädukt von Håverud. Der Dalsland-Kanal überbrückt hier tiefe Schluchten ... zusammen mit seiner imponierenden Schleusentreppe und dem Kanalmuseum ist er das Verweilen und Photographieren wert.

Bengtsfors ist nicht die Hauptstadt Dalslands (die liegt direkt am Vänernsee an der Hauptstraße nach Karlstad und heißt Åmål), aber sie ist der Mittelpunkt der Landschaft und besitzt unter anderem das Paradehotel der Provinz mit dem passenden Namen „Dalia“. Bevor man sich weiter ins Landesinnere aufmacht, kann man noch auf steiler Straße zum Freilichtmuseum Gammelgården fahren, um dort den bäuerlichen Alltag der alten Dalsländer und ihre Holzbaufertigkeiten an bewahrten Beispielen kennenzulernen. Auch erklärte Gegner von Museumsbesuchen werden diese Ausnahme nicht bereuen ... und sei es nur der großartigen Aussicht über Städtchen, Wälder und Seen wegen.

Ein kräftiger Hauch von Nordland erreicht den Reisenden spätestens auf dem Wege von Bengtsfors nach Sund, entweder über Ärtemark, Sannerud, Valsebo oder über Barkerud. Die Landschaft ist karg und wild, menschenleer, die Wälder haben nichts von der gepflegten Heimeligkeit stadtnaher Erholungsforste, auf weiten Moorflächen wachsen Krüppelkiefern, hier gibt es nicht nur Elche (wie überall in Dalsland), hier sind auch noch Luchse zu Hause.