Von Hayo Matthiesen

Ein Brief von drüben könnte das ganze Problem lösen. „Wenn ich doch endlich Post aus Ostberlin bekäme“, sagt Paul Grebe, Professor für Neuhochdeutsche Sprache in Mannheim, „dann könnten wir sofort anfangen und die Rechtschreibung leichter machen.“

Grebe ist Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, leitet zugleich die Duden-Redaktion und darf als der oberste bundesdeutsche Sprachhüter gelten. Außerdem ist Grebe Vorsitzender des vom Bonner Innenministerium und von den Kultusministern einberufenen Arbeitskreises für Rechtschreibregelung und damit zugleich der oberste Reformer der deutschen Sprache, denn die Kultusminister gaben bereits 1956 ihr Wort, „die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen“. Jetzt, so meint Paul Grebe, könnte die Zeit gekommen sein: „Die Konstellation war noch nie so günstig.“

Außer in der Bundesrepublik nämlich arbeiten gegenwärtig ebenfalls in der Schweiz und in Österreich offizielle Rechtschreibkommissionen, was lange Jahre nicht der Fall war. Auch die DDR ist, wie Grebe aus persönlichen Informationen weiß, nicht grundsätzlich gegen eine Reform, obwohl Sie im Augenblick noch schweigt. Grünes Licht aus Ostberlin erhofft sich Grebe, nachdem der Grundvertrag das deutsch-deutsche Verhältnis auf eine neue Basis gestellt hat.

Die Reform der Rechtschreibung ist ein Politikum auch deshalb, weil alle beteiligten Länder an einem Grundsatz festhalten: „Die Einheitlichkeit des deutschen Sprachraums muß gewahrt bleiben“, postuliert Paul Grebe, und damit ist es ihm wie seinen Kollegen in Ostberlin, Bern und Wien gleichermaßen ernst. Ein sprachliches Chaos will niemand, aber die meisten möchten einheitlich und gemäßigt reformieren.

Diese Reform ist überfällig, denn mit den offensichtlichen Ungereimtheiten, den inkonsequenten Regeln und den vielen Ausnahmen der deutschen Sprache kommt keiner zurecht: Ich habe Angst – mir ist angst; er hat recht – er ist im Recht; sie spricht Deutsch (als Muttersprache) – sie spricht deutsch (mit dem Ausländer); um Himmels willen – zu Willen sein; Grimmsche Märchen – drakonische Gesetze; das erstemal – ein erstes Mal – das sind einige Formen, die wohl jeden verzweifeln lassen, der keinen Duden zur Hand hat. Für die Groß- und Kleinschreibung existieren etwa 78 Regeln, für den Bindestrich 50, für das Zusammen- und Getrenntschreiben 83, für das Apostroph und die Silbentrennung je 20. Zwar trennt man grundsätzlich nach einer Sprechsilbe, und ein Konsonant kommt stets auf die neue Zeile – aber wie trennt man Monarch, dennoch, Füllöffel, Signal, Koblenz?

Keiner, es sei denn er trüge das Wörterbuch ständig unter dem Arm, beherrscht die deutsche Sprache perfekt. Selbst Paul Grebe, der sie zwanzig Jahre lang erforschte, tut, was jeder tut, wenn es darauf ankommt, der Deutschlehrer wie der Lektor, der Setzer wie der Journalist: „Auch ich“, gesteht Grebe, „greife zum Duden.“ Statt aber stets nur auf diese Krücke angewiesen zu sein, plädieren jetzt immer mehr Menschen dafür, nicht mehr nachzuschlagen, was ohnehin keiner behält, sondern sinnvoll zu reformieren, damit es jeder behalten kann. Nach jahrelanger Stagnation wird die Rechtschreibreform jetzt zu einem bildungspolitischen Thema: