Von Hermann Bößenecker

Sehr unangenehme Enttäuschungen“, so befürchtet Herbert Schelberger, könnten in Zukunft den Versorgungsstrategen die Freude an einer heute überaus begehrten Energie vergällen. Der Vorstandsvorsitzende der Ruhrgas AG in Essen machte damit unverhohlen Bedenken gegen die Modalitäten eines Abkommens geltend, das gegenwärtig in der deutschen Gaswirtschaft im Mittelpunkt der Diskussionen steht.

Am 15. Dezember haben in Algier die Vertreter von fünf Gasunternehmen mit der algerischen Staatsgesellschaft Sonatrach einen Vertrag über die Lieferung von dreizehn Milliarden Kubikmeter Erdgas aus der Sahara abgeschlossen. Die französische Gaz de France, die belgische Distrigaz sowie die drei deutschen Firmen Saarferngas AG, Saarbrücken, Gasversorgung Süddeutschland GmbH (GVS), Stuttgart, und Bayerische Ferngas GmbH (Bayerngas), München, wollen gemeinsam das hochkalorige algerische Naturgas von spätestens 1977 an auf die Dauer von 20 Jahren beziehen.

Wenn Schelberger diesem Kontrakt gegenüber Skepsis äußerte, so liegt dies an den Preisgleitklauseln, die man zugestehen mußte: Sie orientieren sich an der allgemeinen inflationären Entwicklung, so daß jährlich mit einer Verteuerung des Gases um zwei Prozent und mehr zu rechnen ist. Demgegenüber pochte Schelberger darauf, daß die Ruhrgas bei ihren Verträgen mit der Sowjetunion über die Abnahme von jährlich sieben Milliarden Kubikmeter Erdgas von Herbst dieses Jahres an vorsichtiger gewesen sei: Änderungen des Preises wurden hier vom Trend beim schweren Heizöl, also von der besonderen Situation auf dem Energiemarkt abhängig gemacht. „Unsere Methode ist zumindest die sicherere“, kommentierte der Ruhrgas-Chef; denn der Heizölpreis könnte sich auch einmal gegenläufig zu allgemeinen Inflationsraten entwickeln und nach unten tendieren.

Ganz abgesehen von der problematischen Anpassungsklausel liegt der Preis für das Algerien-Gas bereits ohnedies merklich höher als beim russischen Erdgas. Er bewegt sich, soweit man bisher gehört hat, je 1000 Wärmeeinheiten (WE = kcal) bei 0,55 bis 0,6 Pfennig frei Tanker. In Deutschland dürfte das Gas nach dem teuren Flüssigtransport über das Mittelmeer kaum unter einem Pfennig kosten. Bei 9800 WE je Kubikmeter stellt sich der Kubikmeterpreis dann auf annähernd 9,5 bis zehn Pfennig.

Im ersten Vertrag mit der russischen Sojuznefteexport Anfang 1970 über zunächst drei Milliarden Kubikmeter hatte die Ruhrgas rund 0,5 Pfennig je 1000 WE frei bayerische Grenze ausgehandelt. Die zweite Vereinbarung über die Lieferung von weiteren vier Milliarden Kubikmeter ging zwar nicht ohne eine Preissteigerung um rund zehn Prozent für das Russengas ab (das auf 9600 Wärmeeinheiten je Kubikmeter kommt), aber im Vergleich zum algerischen Erdgas ist dies noch immer relativ günstig.

Die Zeit hat offensichtlich für die Algerier jearbeitet. Noch vor Jahresfrist war kaum mit einer so raschen Einigung gerechnet worden. Vor mehr als vier Jahren, ehe die Gespräche mit den Russen begannen, hatten bereits aktive Energiepolitiker wie der damalige bayerische Wirtschaftsminister Otto Schedl und süddeutsche Versorgungsunternehmen mit dem nordafrikanischen Staat über den Bezug von Saharagas verhandelt. Ein Abschluß kam seinerzeit nicht zustande, weil die Preisforderungen der Sonatrach als überzogen angesehen wurden. Doch als die „saubere“ und „umweltfreundliche“ Energieform Erdgas immer knapper und begehrter wurde und die an sich schon recht optimistischen Prognosen aus den sechziger Jahren ständig nach oben korrigiert werden mußten, verbesserten sich die Marktchancen für die Energieschätze unter Algeriens heißem Sand zusehends. Auch das Argument der Sicherheit spielt eine wichtige Rolle: Europas Erdgasversorgung soll auf mehreren Beinen stehen, um bei Lieferschwierigkeiten elastisch von der einen auf die andere Quelle umschalten zu können.