Für den französischen Wahlkampf wurde nun auch ein toter Marschall mobilisiert. Der Sarg Philippe Pétains, des Siegers von Verdun, aber auch des französischen Staatsoberhaupts zur Zeit der deutschen Besatzung, wurde aus seiner Gruft auf der Atlantik-Insel Yeu gestohlen. Sollte der Sarg noch vor den beiden Wahltagen am 4. und 11. März auftauchen, dann würde Staatspräsident Pompidou in arge Verlegenheit kommen: Schickte er die Gebeine des Marschalls zurück ins alte Grab, verärgert er viele Wähler, aber ebenso auch, wenn er ihn auf den Totenfeldern des Douaumont stehen ließe, wohin ihn die Diebe bringen wollen.

General de Gaulle hatte diesem letzten Willen seines einst bewunderten, dann bekämpften Chefs die Erfüllung versagt. Zwischen beiden standen die Kriegsjahre, in denen sie sich gegenseitig zum Tode verurteilt hatten. Der Resistance-General de Gaulle begnadigte schließlich den „Kollaborateur“ Pétain zu lebenslänglicher Haft. Er starb, 95 Jahre alt, 1951 auf der einsamen Insel.

Die Strafverteidiger und die Familie des Marschalls haben sich bis heute bemüht, zweierlei zu erreichen: die Rehabilitierung Pétains und die Überführung des Sarges zum Douaumont bei Verdun. Doch Justizminister Pleven hat vor einigen Monaten „abschließend“ erklärt, das Urteil über Pétain müsse man nun der Geschichte überlassen. Auf den anderen Wunsch reagierte Pompidou ausweichend: man müsse Geduld üben.

Der politische Kriminalroman, in den Marschall Pétain zwei Jahrzehnte nach seinem Tod noch verwickelt wird, beweist deutlicher als alle anderen Symptome: Auch Frankreich leidet noch immer an der unbewältigten Vergangenheit.

E. W.