Von Hans-Otto Eglau

Mit einem heißen Spekulantentip machten die „Frankfurter Börsenbriefe“ ihre Abonnenten mobil: „Kaufen, was Cloppenburg kauft!“

Was Ulf Cloppenburg, 32jähriger Sproß der Kaufhausdynastie Peek & Cloppenburg, an Textilbeteiligungen gerade kauft oder zu kaufen versucht, wissen jedoch nicht einmal seine engsten Angehörigen. Wo immer bislang wie Mauerblümchen übersehene Nebenwerte buchstäblich über Nacht zu wahren Börsenschönheiten erblühen, taucht der Name des langmähnigen Doktors der Betriebswirtschaftslehre auf. Einschlägige Börsendienste haben es sich angewöhnt, schlicht von „Cloppenburg-Werten“ zu sprechen.

Den Typ der nach ihm benannten Aktienspezies bestimmte Cloppenburg selbst: Im vergangenen Jahr brachte er die Wollkämmerei Döhren AG in Hannover an sich, legte sie wenige Monate später still und schlachtete die Firma durch Verkauf der Maschinen und Grundstücke gewinnreich aus. Spekulative Aktienkäufe trieben seither die Kümmerkurse vorwiegend kränkelnder Textilunternehmen mit wertvollem Grundbesitz in teilweise astronomische Höhen.

Anstatt auf den Handel mit Firmen war Ulf Cloppenburgs Ausbildung ursprünglich auf die herkömmliche Tätigkeit der alten Kaufmannsfamilie, nämlich den Verkauf von Mänteln, Anzügen und Kleidern ausgerichtet. Nach der Promotion (Thema: „Die deutschen Discounthäuser“) absolvierte er eine dreieinhalb Jahre lange Ausbildung bei Karstadt und wechselte anschließend in die Geschäftsführung der familieneigenen Produktionsfirma Westdeutsche Bekleidungs-Werkstätten in Herne. Als Vater James Cloppenburg, Chef der Kaufhauskette, 1971 das Werk an den Wattenscheider Kleiderfabrikanten Klaus Steilmann verkaufte, mußte der Junior, der sich schon nach kurzer Zeit mit dem Betriebsrat heillos zerstritten hatte, nach einem neuen Job Ausschau halten. Steilmann: „Ich übernahm die Firma um.sieben Uhr, und um fünf nach sieben war Herr Cloppenburg entlassen.“

Wie Steilmann, so schätzte auch Vater Cloppenburg, wie Geschäftsfreunde seinen Äußerungen entnehmen .konnten, die unternehmerischen Fähigkeiten seines Sprößlings nicht allzu hoch ein. Schon 1969 hatte der Kaufhauschef in einem Erbverzichtsvertrag vier seiner fünf Kinder, unter ihnen. Sohn Ulf, abgefunden und nur Ulfs Bruder Uwe neben sich als persönlich haftenden Gesellschafter eingesetzt. Seitdem ist Ulf Cloppenburg an der Familienfirma nur noch mit dem bescheidenen Kommanditanteil von 1,65 Prozent beteiligt. Mit seiner Abfindung von etwa zwei Millionen Mark und einem Kredit der Dresdner Bank kaufte sich der verlorene Sohn in die ertragsschwache Viersener Damenkleiderfirma Pongs SC Zahn ein. Zur Mehrheit verhalfen ihm der Düsseldorfer; Henkel-Clan und die Familie des Daimler-Generaldirektors Joachim Zahn, die froh waren,-ihre Aktienpakete abstoßen zu können. Der jugendliche Großaktionär sorgte- für eine Aktualisierung des wenig verkaufsträchtigen Sortiments und führte der Firmenkasse durch Grundstücksverkäufe zusätzliche Mittel zu. Innerhalb eines Jahres sprang der Kurs der Textilaktie um über 300 Prozent.

Mit einem glänzenden Schnitt stieß er Ende 1971 seine Aktien an den zweiten Großaktionär des niederrheinischen Konfektionsunternehmens, den Industriellen Ludwig Kuttner, ab. Für sein Paket kassierte er bei ihm 4,5 Millionen Mark, erworben hatte er es für rund drei Millionen. Zur Übernahme hatte sich Kuttner entschlossen, nachdem es zwischen ihm und seinem tatkräftigen Partner zu Differenzen gekommen war. Peter Kuttner, rechte Hand seines Vaters; wollte bei Cloppenburg bereits Absichten bemerkt haben, sein späteres Vorgehen in Hannover schon in Viersen zu erproben.

Auf die Wollkämmerei an der Leine machte den sprunghaften Jungunternehmer etwa zur selben, Zeit, als er seine Aktien an Kuttner verkaufte, ein Mann aufmerksam, der sich um Döhren bereits Verdienste erworben hatte: der Hauptversammlungsredner Kurt Fiebich. Als eine Art Geschäftsführer ohne Auftrag war der phantasiebegabte Aktionärssprecher landauf, landab gereist, um für das marode Textilwerk reiben Kooperationspartner zu suchen. Nach der Hauptversammlung der Süddeutschen Baumwolle im Dezember 1971 machte Fiebich im Stuttgarter Restaurant Mövenpick Ulf Cloppenburg auf die hannoversche Kämmerei aufmerksam.

Nur wenig später, im Frühjahr vergangenen, Jahres, verfügte dieser dann über 75 Prozent der Döhren-Aktien. 30 Prozent hatte er von der Commerzbank, weitere 25 Prozent von dem Hannoveraner Lackfabrikanten Günter Schiemann übernommen, den Rest kaufte er über die Börse. Von den Börsendiensten als Geheimtip weiterempfohlen, erlebte das Textilpapier ungeahnte Kurssteigerungen. Notierte die 1000-Mark-Aktie noch Anfang 1972 erst mit 1750, so lag der Kurs Ende Mai bereits bei 3500 und zu Beginn dieses Jahres schließlich bei 6000.

Allerdings will Cloppenburg – was Insider bezweifeln – nicht für sich selbst gekauft haben („Ich bin bei Döhren mit weniger als 0,5 Prozent beteiligt“), sondern für eine anonyme Gruppe von Aktionären, „von denen keiner mehr als 25 Prozent besitzt“. Mit seinen Pongs & Zahn-Millionen-Erlösen aus diversen Finanzgeschäften und Bankkrediten war er durchaus in der Lage, das lukrative Geschäft ganz allein zu machen.

Im Besitz der qualifizierten Mehrheit konnte der neue Herr von Döhren praktisch alles, einschließlich die Stillegung des Werks, allein durchsetzen. Daß der clevere Firmenhändler von Anfang an die Absicht verfolgte, die Wollkämmerei zu liquidieren, ist schwer zu beweisen. Er selbst begründet seine Entscheidung, den Betrieb stillzulegen, mit unvorhersehbaren Ereignissen, wie mit der rapiden Erhöhung der Wollpreise und mit wirtschaftlich untragbaren Umweltschutzauflagen der Stadt: Demgegenüber meinen Kenner, daß Cloppenburg die Rolle eines Retters – beispielsweise in Kooperationsgesprächen mit anderen Firmen – nur zum Schein führte, um dann um so ungehinderter Kasse machen zu können. Selbst der ehemalige Großaktionär Schiemann zeigte sich von den Ereignissen überrascht: „Daß sich die Sache in dieser Eile abspielen würde, hätte ich nicht gedacht.“

Zur Eile trieb Cloppenburg die Erwartung, endlich den Lohn aller Mühe zu kassieren: 55 Millionen Mark, gezahlt von der Neuen Heimat in Bremen, für 740 000 Quadratmeter Döhren-Grundstücke in günstiger Stadtlage. Daneben veräußerte der gewiegte Firmenausschlächter größtenteils erst vor wenigen Jahren angeschaffte Maschinen an Konkurrenten. Geschätzter Erlös: zehn Millionen Mark. Bezahlt hätte er für die Majorität bei der Wollkämmerei zwischen 15 und 20 Millionen.

Um nicht über die Hälfte seiner Millionen an Einkommensteuer abzuführen, investierte Cloppenburg unter der zwar ausgeschlachteten, aber juristisch weiterbestehenden Firma in neue Beteiligungen. „Cloppenburg soll angeblich an einer neuen Konzeption basteln“, wußten die „Münchener Börsenbrief zu berichten, „Aufbau einer integrierten Textilgruppe.“ In der Tat hatte Ulf im Glück schon bald einen neuen Fisch an der Angel: Aus dem Portefeuille der Famile von Lossau erwarb er die Majorität an der Bielefelder Webereien AG. Doch dann riß der Faden. Cloppenburg stand in aussichtsreichen Kaufverhandlungen mit Wilfrid Kisker, Großaktionär der Ravensberger Spinnerei. AG in Bielefeld, als ihm ein folgenschwerer Fehler unterlief. Offenbar um seinen Gesprächspartner unter Druck zu setzen, ließ er öffentlich abschätzige Bemerkungen über die im Teilbesitz der Ravensberger Spinnerei liegende Bielefelder Textilwerke fallen, deren aufgeschreckte Zulieferer daraufhin zum Teil aus Sicherheitsgründen Vorauskasse verlangten. Kisker fühlte sich von Cloppenburg erpreßt und ließ das Geschäft platzen.

Auch an anderer Stelle kam der ungestüme Aufkäufer nicht zum Ziel. Ein Mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg von der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank zu übernehmen, scheiterte durch Interventionen mißtrauischer Aufsichtsräte – An Cloppenburgs Stelle machte der ehemalige Baustoffhändler Hans Glögeler das Geschäft, der sich – zum Teil durch Abstoßen ungenutzter Betriebsgrundstücke – in den letzten Jahren eine Textilgruppe mit einem Jahresumsatz von rund 700 Millionen Mark zusammenkaufte.

Bei dem Versuch, die Bremer Jute-Spinnerei AG und die Braunschweigische AG für Jute- und Flachindustrie an sich zu bringen, kam ihm eine andere – ebenfalls auf unterbewertete Textilfirmen spezialisierte – Gruppe zuvor. Andere, vor Jahresfrist über die Börse noch billig käufliche Unternehmen sind als Folge spekulativer Kaufempfehlungen so teuer geworden, daß Cloppenburg gar nicht erst einstieg.

In der Textilbranche an günstigen Akquisitionen gehindert, verleibte er sich daher jetzt ein branchenfremdes Unternehmen ein: die an chronischem Kapitalmangel leidende Wagner Computer AG in Berlin, dessen bisheriger Chef, der Ingenieur Günter Wagner, nach dem Vorbild von Heinz Nixdorf vor drei Jahren mit der Fertigung von Elektronenrechnern begann. Cloppenburgs Plan: Wagner soll seine Computer an Döhren verkaufen, das sie dann im Leasing-Verfahren vertreibt.

Die Spekulationswelle blieb auch trotz Cloppenburgs Branchenwechsel ungebrochen. Die „Frankfurter Börsenbriefe“, veröffentlichten Sogar eine Liste mit zwölf „Grundstücksperlen“, gleich, mit der, genauen Quadratmeterzahl an Immobilien. Die Vorstände, der betroffenen Firmen haben alle Mühe, das Kursfieber durch ernüchternde Erklärungen herunterzudrücken.