Furcht vor Arbeitslosigkeit macht das Concorde-Fiasko zum Wahlkampfthema

Jean-Jacques Servan-Schreiber soll zur Kasse gebeten werden: Die Société Nationale Industrielle Aerospatiale (SNIAS) reichte beim Zivilgericht der Stadt Toulouse eine Verleumdungsklage gegen den Journalisten und derzeitigen Präsidenten der Radikalsozialisten (parti radical) ein. Zehn Millionen Francs muß der Parteiführer zahlen, wenn sich die Kläger vor Gericht durchsetzen können.

J. J. S. S., wie der publizitätsfreudige Oppositionspolitiker gerne genannt wird, hatte die SNIAS mit einer abfälligen Bemerkung über Frankreichs zweitwichtigstes Flugzeugprojekt in Harnisch gebracht: Servan-Schreiber behauptete, das europäische Großraum-Passagierflugzeug Airbus A 300 hätte technische Mängel. Die Tragflächen, die die englische Flugzeugfabrik Hawker Siddeley ohne Unterstützung der britischen Regierung auf eigenes Risiko konstruiert, seien fehlerhaft und müßten neu gebaut werden.

Mit dieser Äußerung hat Servan-Schreiber noch einmal Schlagzeilen in der französischen Presse für sich gewinnen können. Bereits wenige Wochen vorher, hatte er sich mit der SNIAS angelegt: Nachdem die mächtigen amerikanischen Fluggesellschaften Van American World Airways und Trans World Airlines ihre Optionen für den französisch-britischen Überschalljet Concorde aufgaben und damit auf den Kauf der süperschnellen Vögel verzichtet hatten, kündigte der streitbare Oppositionspolitiker einen „Kampf der Wahrheit gegen die Lüge“ an.

Lüge nennt Servan-Schreiber die optimistischen Kommentare des Präsidenten der SNIAS, Henri Ziegler, zu der Zukunft des Concorde-Projekts. Denn auch nach den Rücktritten der amerikanischen Fluggesellschaften schildert Ziegler die Aussichten für den britisch-französischen Gemeinschaftsbau in rosigen Farben.

Doch Servan-Schreiber meint, daß in Wahrheit an dem ehrgeizigen Projekt nichts mehr zu gewinnen sei. Auf einer Partei Versammlung in Toulouse sagte er gar: „Es existiert nicht mehr.“

Der Oppositionspolitiker will mit seiner Kampagne gegen die französische Luftfahrtindustrie freilich nicht die Ingenieure, Techniker und Arbeiter treffen. Servan-Schreiber zielt mit den publikumswirksamen Tiraden in Wirklichkeit gegen die politisch Verantwortlichen. Und das mit handfesten Gründen: Servan-Schreiber sucht Wähler, die ihn bei den Parlamentswahlen am Sonntag unterstützen.