ZDF, Sonntag, 25. Februar: „Gert Frühes Morgenstern am Abend“

Ist das zulässig? Ein Gedicht, das doch, in einem Akt weit fortgeschrittener Abstraktion, die Innen- und Außenwelt des Menschen zusammendrängt in ein kleines, höchst kunstvolles Gebilde der Wörter, wieder auszuweiten, seine Abstraktion teilweise wieder aufzuheben, es zu ergänzen, anzureichern mit Mimik, Gesten und Bewegungen? Gert Fröbe hat das getan mit Gedichten von Christian Morgenstern, die er liebt seit eh und je. Sofern das zulässig ist, war das Ergebnis: lauter Meisterwerke. Aus jedem Gedicht, das Fröbe dem Publikum in einem Mainzer Kabarettkeller vortrug, machte er eine geschliffene Pantomime, nein, ein ganzes Dramolett, ein Stück voll prallen, strotzenden Lebens.

Erstaunlich war seine Fähigkeit der Akkomodierung, der Einfühlung, der Verwandlung: der Transsubstantiation der Existenzen. Er war bald Affe, bald Schildkröte, Schnecke oder Fisch, Tiger oder Huhn. Aber er imitierte nicht lediglich, er reproduzierte nicht äußere Merkmale, selbst dann nicht, wenn er, in „Fisches Nachtgesang“, die Hände an die Schläfen legte, um die annähernde Illusion von Flossen hervorzurufen. Er ist kein Varieté-Artist, er ist Schauspieler, ist Pantomime, ja er: braucht weder Kostüm noch Requisit noch Schminke, er versetzt sich nicht nur in das Wesen von Tieren und skurrilen, imaginären Gestalten. Er kann, zum Beispiel, mit weit ausladenden Gesten das landfressende Meer darstellen, man bangt momentweise für die kleine Bühne bei diesen elementaren Wogen. (Aber er kann auch ein Liebesgedicht sprechen: von Sentimentalität chemisch rein.)

Ist das Verfahren zulässig? Darf man die kunstvolle Abstraktion von Gedichten opfern, eintauschen gegen die effektvollere Form des Dramoletts, zuweilen (am Klavier) unterstützt von Hans Martin Majewskis Musik? Ein Sakrileg? Nun, es handelt sich hier nicht um Lyrik von Hölderlin, Eichendorff, Mörike, Lenau oder Rilke: Gedichte, deren Form auch schon ihr (partieller) Inhalt ist. Morgenstern ist woanders angesiedelt.

Gert Fröbe durfte es. Seine Leistung war meisterlich. René Drommert