Von Eckardt Kleßmann

Der Schriftsteller und Politiker Benjamin Constant macht es denen, die sich mit seinem Leben und Werk befassen, ungemein schwer. Er gehört zu jenen Persönlichkeiten, die in uns weder Haß noch Bewunderung erregen, denen man aber genausowenig mit Verachtung oder Gleichgültigkeit begegnen kann. Es gibt viele Seiten in seinem Tagebuch, in denen sich ein wortreiches, in Selbstmitleid zerfließendes Lamento breitmacht, eine quallige Unentschlossenheit und Feigheit, die den Leser abstoßen. Es gibt Briefe von ihm, deren Tenor man als hündische Unterwürfigkeit bezeichnen möchte. Es gibt Seiten in seinen zwei Romanen, deren Sensibilität und aussparende Erzähltechnik zum Besten gehören, was die französische Literatur besitzt. Und es gibt Erkenntnisse in seinen politischen Schriften, deren Klarheit und Couragiertheit man ebenso bewundert, wie einen ihre Aktualität in Erstaunen setzt.

Ob ihn jemand mutig nennt oder feige, charaktervoll oder schwammig, einen Poseur oder einen Aufrechten, einen Pragmatiker oder einen Opportunisten: jeder hat recht, denn Constant vereinigte dies alles in einer Person.

Geboren wurde Henri Benjamin Constant de Rebecque 1767 in Lausanne als Sohn eines Berufsoffiziers. Die Erziehung des Kindes, dessen Mutter kurz nach seiner Geburt gestorben war, lag in den Händen wenig begabter, oft wechselnder Hauslehrer. Seine Studien trieb er in Oxford, Edinburgh, Erlangen, Brüssel und Paris, wobei man das Wort Studien nicht allzu eng (und nicht allzu ernsthaft) auslegen sollte. Nach Braunschweig kam er 1787, war Kammerjunker des regierenden Herzogs, heiratete dort eine Deutsche (Wilhelmine von Cramm); die Ehe wurde unglücklich und nach einigen Jahren geschieden; Zur Revolutionszeit debütierte er in Paris als politischer Schriftsteller, dem früh Aufmerksamkeit zuteil wurde. Er wurde 1799 Mitglied des Tribunats, aber schon 1802 von Napoleon verbannt, dessen Politik er kritisierte. Im Gefolge der Madame de Staël bereiste er zwei Jahre lang Deutschland, heiratete 1808 wieder eine Deutsche (Charlotte von Hardenberg), lebte für einige Jahre auf Schloß Hardenberg bei Göttingen, kehrte im Anschluß an Napoleons Sturz nach Paris zurück, unterstützte Napoleon überraschend während der Hundert Tage, lebte nach Waterloo für einige Zeit in England, wo 1816 sein Roman „Adolphe“ veröffentlicht wurde, avancierte zum Staatsrat, unterstützte während der Julirevolution von 1830 offen Louis Philippe und starb Ende 1830 in Paris.

In Deutschland sind es vor allem zwei Bücher gewesen, die – mehrfach übersetzt – seinen Ruhm verbreiteten: „Vom Geist der Eroberung und der Usurpation in ihrem Verhältnis zur europäischen Zivilisation“ (1814), eine Abrechnung mit der napoleonischen Diktatur als einer Diktatur par excellence, und sein Liebesroman „Adolphe“ (1816). Eine umfassende Auswahl seiner Schriften erscheint erst jetzt zum erstenmal in deutscher Sprache –

Benjamin Constant: „Werke in vier Bänden“, herausgegeben von Axel Blaeschke und Lothar Gall, aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens; Propyläen Verlag, Berlin; zusammen 2034 S.; 140,– DM.

Der erste Band bringt die Romane „Adolphe“ und „Cécile“, die „Das Rote Heft“ betitelte autobiographische Studie, die Essays „Schillers Trauerspiel ‚Wallenstein‘ und das deutsche Theater“ und „Gedanken über die Tragödie“. Der zweite Band enthält Auszüge aus den Tagebüchern 1803 bis 1816. Band drei und vier dokumentieren den politischen Schriftsteller mit zehn Arbeiten. Auf die umfangreichen religionswissenschaftlichen Arbeiten – „De la religion“ und „Du polytheisme romain“ – wurde verzichtet.