Bonn, im Februar

Den langersehnten Urlaub vom Wahl- und Nachwahlkampf wird Hans Katzer nun doch nicht allein seiner Familie widmen können. Fernab von der organisierten rheinischen Fröhlichkeit in der Karnevalszeit muß er sich an der belgischen Küste Gedanken darüber machen, ob und – wenn ja – wie er das neue Amt eines Chefkoordinators zwischen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und der CDU-Parteizentrale ausüben soll. Daß er überhaupt darüber nachdenken muß, liegt nicht so sehr an der Schwierigkeit der Aufgabe als an ihrer politischen Problematik. Zu viele sehen die Position des Chefkoordinators bereits als Vorstufe zum Amt des künftigen Generalsekretärs der Partei und Hans Katzer damit im Fahrwasser von Rainer Barzel.

Die Nachdenklichkeit Katzers wird allerdings kaum dazu führen, daß er das angetragene Amt ablehnt. Seit Jahren ist der von Herbert Wehner einmal böse als „soziales Feigenblatt der CDU“ bezeichnete Katzer immer enger an Barzel gerückt. Er ist einer der wenigen von politischem Format, die der Unions-Fraktionsvorsitzende hat an sich ziehen können. Sein politisches Gewicht ist es, das ihn für Barzel so wertvoll macht.

Doch gerade diese Aktion ist Barzel nicht glatt gelungen. Sein Einfall hat Staub aufgewirbelt und ihm rundum Ärger eingebracht – schon wieder, wie sogar Freunde besorgt anmerken, denen nicht entgangen ist, daß Barzel sich seit dem 19. November mehr Blößen gegeben hat als in den drei Jahren zuvor. Freilich ist manches, was nun an Konflikten aufbricht, von Barzel bewußt herausgefordert worden. Er will Konflikte, wie er sagt, nicht mehr einebnen, sondern austragen, sogar „Richtungskämpfe“ und „Mehrheitsentscheidungen“. Und das widerspricht nun ganz gewiß allen Erfahrungen, die die Union und die Öffentlichkeit bisher mit Rainer Barzel gemacht haben. Selbst das Wort „Formelkompromiß“, den zu schließen er ein unerreichter Meister war, spricht er neuerdings verächtlich aus. Anerkennung hat er dafür bislang nicht bekommen. Barzel steht im Verdacht, mehr an sich als an die CDU zu denken, und alles, was er tut oder nicht tut, sagt oder verschweigt, bekräftigt diese Vermutungen.

Tatsächlich ist mit jeder seiner Unternehmungen die Zahl seiner Gegner gewachsen. Mit einer unbedachten, polemischen Rede am 5. Dezember vor den CDU-Abgeordneten sammelte er die ersten Minuspunkte. Dann wurde ihm sein, wenngleich schnell abgebrochener Versuch angekreidet, sich für vier Jahre im Fraktionsvorsitz bestätigen zu lassen. Ärger brachten ihm auch seine Attacken gegen Heckenschützen, seine Auftritte in den drei Klausurtagungen von Partei und Fraktion, in denen er keinerlei persönliche Verantwortung für den Wahlausgang auf sich nahm, und politisch verunglückte Reden zur Regierungserklärung und in der Grundvertragsdebatte.

Taktisch ungeschickt verhielt sich Barzel gleichfalls in der Frage einer Verfassungsklage gegen den Grundvertrag. Obwohl er in der Sache richtig handelte, als er sich gegen eine Klage wandte, vergrätzte er so ziemlich alle Gremien, Gruppen und Personen, die in dieses Thema einbezogen waren. Die Fraktion war ausnahmslos pikiert, weil der Vorsitzende ihre Entscheidung präjudiziert hatte, als er den Bundesausschuß und das CDU-Präsidium zuvor auf eine Klage-Ablehnung eingestimmt hatte; die CSU reagierte verärgert, weil, sie überhaupt nicht gefragt worden war. Die klagefreudigen Vertriebenen fühlten sich ein weiteres Mal verraten.

Als Konrad Kraske in einer seltsamen Mischung aus Loyalität und Gekränktheit wegen mangelnder Rückendeckung durch Barzel den Verzicht auf sein Amt als Generalsekretär im Herbst ankündigte, kam Barzels Personalpolitik ins Gerede. Die beabsichtigte Übertragung des Amtes als Chefkoordinator an Katzer hat schließlich Kraske völlig desavouiert und die CSU alarmiert, die wiederum um nicht informiert worden war.

Kein Zweifel: Rainer Barzel befindet sich auf einem Marsch in die Talsohle, vorangetrieben von einem nimmermüden Kampfgeist. Und in seinem Eifer, wieder nach oben zu gelangen, setzt er auch das Vertrauen in die einzige Gabe aufs Spiel, die Freund und Feind ihm bislang zuerkannten: sein taktisches Geschick. Eduard Neumaier