Von Marcel Reich-Ranicki

Er hatte die Kühnheit, den Krieg zu zeigen, wie er war, und die Unverfrorenheit, ihn dennoch zu feiern und zu preisen. Er war Deutschlands vornehmster Landsknecht, strammster Nihilist und subtilster Militarist. Kein Zweifel, Ernst Jünger gehörte zu den großen Streitfällen der Nation.

Aber dieser raffinierte Barde und fatale Metaphysiker in Offiziersuniform, dieser Barbar mit (leider sehr beachtlichem) Talent, ist jetzt nicht mehr und nicht weniger als eine Figur der Literaturgeschichte – immer noch zwielichtig und schillernd und doch mittlerweile der Diskussion und fast schon der Gegenwart entrückt.

Für den Achtundsiebzigjährigen, der einst von vielen seiner Feinde gehaßt und zugleich auch respektiert wurde, mag dies besonders hart sein. Darüber ist nicht zu spotten. Nun aber meldet er sich zu Wort, und was er in der vergangenen Woche einem Vertreter der Pariser Zeitung „Le Monde“ in einem Interview gesagt hat, zeugt nicht nur von jener Verbitterung, die kaum einem alten Schriftsteller versagt bleibt.

Denn wie eh und je präsentiert sich Jünger als ein gestrenger Zuchtmeister der Deutschen: Der von den „Stahlgewittern“ (1920) berichtete, der von „Feuer und Blut“ (1925) erzählte und die „Totale Mobilmachung“ (1931) gefordert hatte, klagt jetzt vor allem über die Undankbarkeit der Nation. Befragt, warum er eigentlich in Frankreich mehr bewundert werde als in seinem Vaterlande, meint der Autor der „Subtilen Jagden“ (1967), daß die Franzosen Nuancen zu schätzen wüßten. Sie würden seine Bücher besser als die Deutschen verstehen, weil sie „in viel tieferem Sinne kultiviert sind als wir“. „Annäherungen“ ist Jüngers Buch betitelt, das unlängst in Frankreich verlegt wurde. Und als Annäherungsversuch muß wohl auch diese Antwort verstanden werden; allerdings wäre noch zu klären, wann aus einer Annäherung eine Anbiederung wird.

Von der deutschen Literatur unserer Jahre hält dieser herrische Ästhet gar nichts: „Heute ist die Sentimentalität Mode. Oder das Engagement. Warum sollte er“ – fährt Jünger fort – „den täglichen Zeitablauf eines Individuums erzählen, ohne seinen Aufenthalt im Water Closet zu vergessen? Das ist nicht seriös...“ Nur daß Jünger selber zugibt, von etwas zu reden, was er nicht kennt: Er müsse gestehen, daß sein „Interesse für die deutsche Literatur im Jahre 1888, dem ‚Ecce Homo‘ von Nietzsche, stehengeblieben“ sei. Wie sagte er selber: Das ist nicht seriös.

Zu den Nationalsozialisten ist Jüngers Verhältnis nach wie vor, sagen wir, ambivalent. Mit den „Marmorklippen“ (1939) habe er sich „vollständig klar engagiert“. Andererseits sei aber dieses Buch, „das aus dem Traum eines Abends entstanden ist, wo ich mehr als üblich getrunken hatte“, keineswegs als Pamphlet gemeint: Es „rührt an etwas viel Stärkeres, weil es unbewußt ist. Seine Bedeutung breitet sich auf eine ganze Epoche aus.“ Das mag nicht gerade bescheiden sein, aber aufschlußreich ist es bestimmt: Was uns viele als kühnen Protest gegen das Dritte Reich offerieren wollten, wird vom Autor selber nur als unbewußte Reaktion bezeichnet.